Zittauer Fundstücke _ Teil II
Ich habe zu meiner Liebe für Schaufenster zurückgefunden.
Wie immer an einem neuen Standort mach ich erst einmal die obligatorische Runde um das KUKUmobil, um abzuschätzen, wie es sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln einfügt in den neuen Kontext und wie es auf die Menschen wirken mag, die es als neues Objekt in ihrer wohlbekannten Alltagslandschaft wahrnehmen werden.
Bisher bin ich sehr zufrieden und habe den Eindruck, dass das KUKUmobil die Gabe hat, sich überall gut einzufügen. Es ist präsent, ohne aufdringlich zu sein, es ist in seiner Schlichtheit ein verträgliches „Versatzstück“ für viele unterschiedliche Kulissen, ist leise aber nicht stumm, zurückhaltend, aber nicht schüchtern. Ich mag das.
Erster Gang: Zum Rathaus, gleich nebenan. Kulturreferat und Marktleitung sind zwei wichtige Anlaufstellen für die Zeit, die ich in Zittau verbringen werde. Mein Dank an alle Beteiligten für die so spontan und unkompliziert entstandene Möglichkeit, mitten im Herzen von Zittau zu stehen.
Auf meinem ersten Rundgang bin ich wieder einmal auf eine meiner vielen Wissens-Lücken hingewiesen worden. Verteilt über die Stadt stehen Infotafeln zu der „Friedlichen Revolution“, der Zeit kurz vor und kurz nach dem Fall der Mauer.
Ich habe nicht alle Tafeln fotografiert, das würde den Rahmen sprengen und lesen tut sie hier in dieser Auflösung eh keiner. Aber ich habe mal im Internet gesucht. Auf der Seite der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung habe ich folgenden Text und Video gefunden:
Orte der Friedlichen Revolution 1989 in Sachsen
Die Friedliche Revolution in Sachsen 1989/90 hat das Leben der Menschen grundlegend verändert. Durch Demonstrationen großer Teile der Bevölkerung entstanden neue politische Kräfte, wie die Gruppe der 20 in Dresden. Ab Oktober 1989 verlor die SED-Staatspartei der DDR an Einfluss und Macht. Der Film erzählt von diesem Geschehen in ausgewählten sächsischen Orten und Regionen: Dresden, Plauen, Leipzig und Delitzsch sowie Großhennersdorf und Zittau in der Oberlausitz, Bad Schlema und Aue im Erzgebirge.
Nicht das ursprüngliche Ziel, aber doch das Ergebnis der Friedlichen Revolution in der DDR war die deutsche Wiedervereinigung.
Ein Film von Thomas Eichberg, herausgegeben von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Dresden 2016
Um so erstaunlicher ist für mich der Ausklang des Tages gewesen, mit der Montagsdemonstration auf dem Marktplatz. Es war meine erste Montagsdemo. Es ist ja nicht so, als wenn es die in Berlin nicht geben würde, aber da kann man ihnen leichter aus dem Weg gehen, die Peinlichkeit, die einen befallen könnte hält sich durch die Mengenverhältnisse derer, die dort sind und derer die sich eben nicht daran beteiligen, in erträglichen Grenzen; und die Wahrscheinlichkeit, dass man mit jemandem, von dem man weiß, dass er oder sie montags demonstriert am Dienstag den Arbeitsplatz teilt, ist sehr gering. Das macht die ganze Angelegenheit noch um einiges komplexer.
Schon vor meiner Ankunft in Zittau war ich auf diese Veranstaltung hingewiesen worden, teils entschuldigend, teils erklärend… Ich habe versucht, mir ein Bild zu machen von dem, was die Menschen zusammenbringt, was die kleinste _ oder größte_ gemeinsame Schnittmenge ist. Nach meiner Erfahrung bei der Julian-Assange-Geburtstagsfeier in Berlin, bei der in den Redebeiträgen auch Themen unterschiedlichster Art angesprochen und offensichtlich mit einer großen Selbstverständlichkeit von einer breiten Zustimmung ausgegangen wurde, bin ich sehr sensibel für das Thema „Schnittmengen“.
Ich habe nun wirklich keine Art von Berührungsangst und denke, es ist wichtig immer im Gespräch zu bleiben, aber angesichts des Sammelsuriums an Erkennungszeichen …. von der Friedenstaube, über die Schwerter, die zu Pflugscharen werden bis hin zur Wirmer-Flagge … (1999 wurde die Flagge von Reinhold Oberlercher, dem Vordenker des neonazistischenDeutschen Kollegs, in seinem Überarbeiteten Verfassungsentwurf vom 9. November 1999 zur Flagge des vom Deutschen Kolleg angestrebten Vierten Reichs erklärt und war fortan die Flagge des Deutschen Kollegs. Zum deutschen Kolleg gehört auch Horst Mahler, der am 14. Dezember 2003 die Verkündigung der Reichsbürgerbewegung veröffentlichte. Dadurch wurde die Fahne im damals medial und gesellschaftlich wenig beachteten Reichsbürgermilieu populär und somit verstärkt von rechtsextremen und -populistischen Gruppierungen verwendet, was auf Kritik von verschiedenen Seiten stieß. Wegen ihrer hohen Präsenz auf den Dresdner Pegida-Demonstrationen wurde die Flagge in einigen Medienberichten auch als „Pegida-Fahne“ bezeichnet.) …. und der Rednerbeiträge, die ebenfalls und auf sehr simple und absurde Art ein buntes Potpourri an Themen bedienten, ist es mir nicht gelungen, nachzuvollziehen, worum es diesen Menschen tatsächlich geht und was sie als Gruppe zusammenhält.
Ein ganz seltsames Gefühl überkam mich, als ein kleiner „Posaunenchor“ das Lied „Die Gedanken sind frei“ anstimmte und die Versammelten es aufgriffen und sangen. Schon richtig, es ist ein Volkslied und gehört somit niemandem und allen, aber mir ist es bis zu diesem Montag immer in sehr anderen Kontexten begegnet. Es hier zu hören ist mir, das gebe ich zu, sehr aufgestoßen und ich habe mich für einen Moment beraubt gefühlt, so wie ich mich beraubt gefühlt habe, als der Begriff „Querdenkerei“, den ich immer als gesund in einen Verständnis von Abweichung vom „Mainstream“ eingeordnet hatte, diese negative Wertung bekam.
Komplizierte Zeiten, wenn man genau hinsehen und nicht verallgemeinern möchte. Aber Prinzipien sind nun einmal dafür da, dass man in solch verworrenen Momenten weiss, wo man steht. Und wenn man mit der Friedentaube neben einer Wirmer-Flagge steht, dann finde ich das einfach sehr schwer nachzuvollziehen und ich bekomme diese zwei Momente, den vergangenen und den jetzigen, nur schwer zusammen.
Ich werd weiter schauen und hören und fragen und versuchen, davon zu berichten. Dass dieser etwas zwiespältige Beitrag am Beginn meiner Zittau-Chronik steht ist auch allein der Tatsache geschuldet, dass ich versuche, der chronologischen Reihenfolge der Ereignisse gerecht zu werden. Es ist eine Minderheit, die sich da montags versammelt, und die ist hat sehr laut, aber ich denke nicht, dass sie die Meinung der Mehrheit der Zittauer darstellt. Aber da ist sie, nicht nur hier in Zittau, sondern auch an anderen Orten. Und so gerne ich das vielleicht auch tun würde, man kann sie nicht einfach so wegwischen. Aber ich bin mir auch nicht sicher, ob meine Dialogbereitschaft auf Gegenseitigkeit beruht.
Verbindende Elemente _ Was hier die Kupplung ist dort das Kabel
Es wird Zeit, dass ich in die Pötte komme. Die Fotoarchive stapeln sich in der „zu sichten“-Abteilung.Dass sie nach Tagen und Themen sortiert sind, macht es nicht wirklich besser. Viele Fäden laufen zusammen und drohen sich zu vertüddeln. Dann wäre alles zu spät. Das weiß ich. Das hat man nun davon, wenn man so viele Ding tut, so viel erlebt, so viele Fotos macht.
Hier also der erste Versuch, einiges, was in den vergangenen Tagen geschehen ist aufzuarbeiten. Wahrscheinlich werden sich dabei Nachträge zu speziellen Themen, wie Buchempfehlungen, Rosshaarweberei, Kurs und Webschul-Projekt, die meiner Meinung nach einen gesonderten Beitrag haben sollen, abwechseln mit den Eindrücken, die ich an dem neuen Standort Zittau sammel.
Die Reise war diesmal nicht lang und ist reibungslos verlaufen. Immer wieder aufs Neue ein großer DANK an diejenigen, die einen ganz besonderen teil des Projektes übernehmen: den Transport. ich weiss inzwischen, dass das KUKUmobil vielen imponiert und auch, dass es nicht immer einfach aber möglich sein wird, Menschen zu finden, die Erfahrung haben und ein ebenso großes Auto wie Herz für Kunst und Kultur.
Vielleicht gerade weil das derjenige Aspekt des Projektes ist, der mir am wenigsten vertraut ist, beeindruckt es mich, dass andere Menschen mit solcher Sicherheit und Gelassenheit daran wagen.
Übrigens wird es auch zu Zittau gesonderte Beiträge geben, zum Fastentuch, dass ich mir gleich am ersten Tag angeschaut habe, und das mich sehr beeindruckt hat, aber auch zu den Montagsversammlungen, die auf dem Marktplatz stattfinden und deren Zeuge ich zwangsläufig gleich am ersten Tag war.
Erkenntnis des Tages: Auf dem Dorf schaut man einander an und grüßt sich. IMMER. Egal ob man sich kennt, oder nicht. In der Kreisstadt schaut man einander an… und nach… aber man grüßt sich nur, wenn man sich kennt. In einer Großstadt wie Berlin schaut man eher bewußt weg und grüßen… naja…..
Es war ein anstrengender Tag gestern. Ich hatte zwar alle Kisten schon am Sonntagabend direkt nach dem Kurs in das KUKUmobil gebracht, aber es galt noch, sie richtig zu stapeln, alles zu verzurren und mich innerlich auf die Reise vorzubereiten, obwohl ich eigentlich noch damit beschäftigt war/bin, mich energetisch und emotional aus dem Kurs herauszuarbeiten.
Ich liebe es, Kurse zu geben, die Gelegenheit zu bekommen, Menschen ein neues Werkzeug in ihren Werkzeugkasten zu legen, um das Leben zu bewältigen, die Welt und sich selbst besser kennenzulernen und zu verstehen. Ich versuche, die Leidenschaft und ihren Grund dafür zu vermitteln und freu mich jedesmal, wenn ich das Gefühl habe es geschafft zu haben, dass die Menschen, die an dem Kurs teilgenommen haben, sich etwas mitnehmen für Kopf und Herz und Hand.
Gerade überschlagen sich die Ereignisse und ich komme mit dem posten nicht hinterher. Ich möchte mir Zeit nehmen für jeden der Momente, den Kurs, das Projekt der Oberlausitzer Webschule, das ich total spannend finde, den Abschied von Großschönau, wo ich mich sehr wohl und umsorgt gefühlt habe, den Transport, der dank der Großzügigkeit von Roland und Steffi Friebolin so unkompliziert bewerkstelligt werden konnte, meine ersten Eindrücke von Zittau, die ersten Gespräche ……
Die kommenden Blogeinträge werden also leicht zeitversetzt erscheinen. Ich werde mir Mühe geben nicht zu viel „auflaufen“ zu lassen. Je höher der Berg um so größer die Überwindung…. ihr kennt das bestimmt.
Die Erkenntnis des Tages: Egal wie ich packe, und ich bekomme langsam Übung, es bleibt immer eine Tüte mit Gegenständen, die nicht den richtigen Ort gefunden haben. Immer sind es andere, aber immer ist es eine Tüte. 🙂 Die Blaue halt.
Kaum auf dem Marktplatz in Zittau angekommen, Gurte zusammengelegt und das KUKUmobil ausgerichtet, kamen schon die ersten neugierigen Passanten und verwickelten mich in ein Gespräch. Einer von ihnen, Raimund Linke, ist Fotograf und hat gleich ein paar erste Eindrücke eingefangen. DANKE!!!
Nach den vielen Regentagen die hinter uns liegen war es _ ganz banal_ an der Zeit, die Fenster des KUKUmobils zu putzen. Das gehört einfach mit dazu, wenn man mit solch einem großen Schaufenster unterwegs ist, durch das die Menschen ja gerne gucken und etwas erkennen sollen.
Glücklicherweise gehört Fensterputzen zu den Aufgaben im Haushalt, die ich zwar nicht oft, aber auch nicht ungern tue. Vor allem wenn die Fenster so richtig dreckig sind, ist das Erfolgsergebnis durchaus bemerkenswert.
Es wird auf der Reise immer mal wieder notwendig sein. Auch wenn die Werkstatt „tiny“ ist, sauber gehalten muss sie werden. Das Gute ist, dass das Putzen an sich bei knappen 10 Quadratmetern einfach und schnell zu bewerkstelligen ist. Ein Lappen reicht, alles ist auf Armeslänge und im Nu getan.
Das Ergebnis: Blitzeblanke Fenster, so blitzblank, das man nicht nur durchschauen kann, sondern sich auch alles Mögliche und Unmögliche darin spiegelt.
Waschtag schließt auch andere Dinge mit ein….. Ihr kennt das sicherlich vom Reisen: wenn man mal ein oder zwei Tage irgendwo seine Zelte aufschlägt, egal ob wortwörtlich oder im übertragenen Sinne, dann ist das DIE Gelegenheit, um ein paar Klamotten durchzuwaschen, weil sie dann eine Chance haben, zu trocknen. Es gibt nichts unglücklicheres, als Wäsche feucht zusammenpacken zu müssen.
Und ich hab eine Einladung zum Duschen bekommen. DANKE, Simone und Andreas, für eure Großzügigkeit und Gastfreundschaft. Ich kommt mit sehr wenig aus und Katzenwäsche ist total in Ordnung, aber so ab und an eine Dusche, das ist schon eine Wohltat.
Eineinhalb Wochen ist es jetzt her, dass das KUKUmobil nach Großschönau gekommen ist. Eineinhalb Wochen voller neuer Erfahrungen, voller Begegnungen und … voller guter Gaben, für die ich sehr dankbar bin.
Von den Strümpfen, die mir die Stricklieseln geschenkt haben, habe ich ja schon berichtet.
Sie treffen sich übrigens jeden Montag, nachmittags von 17 Uhr bis ca. 18:30 Uhr, beim Bäcker Schulz. Zumindest während die Oberlausitzer Webschule noch eine Baustelle ist. Dann sollen die Treffen wohl dort stattfinden.
Bäcker Schulz macht übrigens dienstags Rucola-Brot. Das weiß ich, weil ich vergangene Woche nach dem Strickliesel-Treff noch etwas dort geblieben bin und Nachbarn kamen, die die Hauptzutat frisch aus ihrem Garten in die Bäckerei brachten, damit sie am kommenden Morgen verarbeitet werden kann. Ich hab natürlich sofort eins reserviert.
Noch bevor ich mich aber am darauffolgenden morgen auf den Weg machen konnte, um es abzuholen, kam tatsächlich Besuch zum KUKUmobil mit dem Brot unter dem Arm. Und nicht nur dass: Auch Gurken und Rucola habe ich geschenkt bekommen.
Und zum Pferdefleichsauerbratenessen wurde ich auch eingeladen, mit Rotkraut und Klößen. Richtig lecker.
Und es gibt Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, fleißig für das KUKUmobil zu werben. Das ist soooo wichtig. Es gibt nichts Besseres als eine freundschaftliche Empfehlung. Das ist GOLD wert.
Die Fotos von Simone habe ich schon gezeigt. Aber sie ist nicht die Einzige, die auf Instagram, wo ich selbst ja gar nicht unterwegs bin, vom KUKUmobil berichtet. Auch Carola stellt dort kleine „Stories“ ein.
Ich fühl mich reich beschenkt, durch all die Energie, die auf materiellem oder immateriellem Wege, direkt oder indirekt zum Projekt findet und es voranbringt.
An der Webschule. Eine wunderbar sternenklare Nacht. Wenn ich in den Himmel schau, blicke ich direkt auf den „Großen Wagen“ .:)
Die erste Woche ist vorbei und das bedeutet, dass das KUKUmobil die schützenden Mauern des Deutschen Damast- und Frottiermuseums gegen die leicht angewilderte Parkfläche an der Webschule tauscht.
Das hat einen guten Grund, denn am Wochenende findet in der Oberlausitzer Webschule ein Bildwirkerei-Kurs statt. Bei gutem Wetter vielleicht sogar auf dem Parkplatz vor dem KUKUmobil.
Großschönau kann auch gutes Wetter, das hat es heute bewiesen. Von daher ist dieser Gedanke nicht abwegig. Wir werden sehen. Freitag beginnen wir.
Aber erst einmal zum Umsetzen. Immer wieder und immer noch ist es erzählenswert, wenn das KUKUmobil an einen neuen Standort kommt.
Kurz vor 10 Uhr hatten wir angesetzt für die Aktion. Glücklicherweise, denn zwei Stunden vorher saß ich noch im KUKUmobil, alles verpackt und verzurrt, sah zu, wie der Regen fiel und dachte bei mir: das muss jetzt nicht sein, dass alle die kommen, um das KUKUmobil wieder aus dem Hof auf die Straße zu bringen dabei auch noch pitschnass werden.
Kurz vor der verabredeten Zeit hörte es dann tatsächlich auf, und der Hof füllte sich mit satten dunkelblau und quietschendem gelb: die Mitarbeiter vom Bauhof Großschönau waren gekommen um Hand anzulegen.
Mit vereinten Kräften haben sie das KUKUmobil tatsächlich aus dem Hof geschoben. Wahnsinn. Tausend Dank!!!
Und als die Fädelarbeit getan war, kam Roland und hat das KUKUmobil an seinen neuen Standort gezogen.
Jetzt ist es bereit für die zweite Hälfte seiner Zeit in Großschönau und mir steht es zu, DANKE zu sagen, an alle helfenden Hände. DANKE an das Museumsteam und die Mitglieder des Fördervereins für die gemeinsame Zeit im Museumshof und DANKE, Steffi, fürs Organisieren und Roland fürs Durchführen.
Hat die Lausche einen Hut,
wird’s Wetter gut.
Hat die Lausche eine Mütze,
gibt’s ’ne Pfütze.
Gestern war Montag. Montags hat das Deutsche Damast- und Frottiermuseum geschlossen. Das bedeutet, dass ich, solange ich hier im Hof stehe, montags meinen freien Tag habe, weil es keine Besucher:innen gibt, die ich in die Zauberwelt der Fäden entführen kann.
Also gilt es, Alternativen zu entwickeln. Angesichts des durchwachsenen Wetters sah meine so aus: 1 _ Die Ruhe im Museumshof zu nutzen und etwas, das dem Ausschlafen nahe kommt zu praktizieren: 2_ den nächstgelegenen Supermarkt aufzusuchen, um den Kühlschrank mit dem Notwendigsten zu füllen; 3 _ irgendwie das Wetter einzuschätzen und die Wanderkarte zu studieren, um herauszubekommen, welche Route denn unter den gegebenen Umständen die sinnvollste ist.
Eine Wanderung zur Lausche hatte ich schon verworfen, aber die Richtung sollte die gleiche bleiben. Ich wollte mir die Umgebindehäuser in Waltersdorf gerne anschauen und, sollte das Wetter es erlauben, weiter nach Jonsdorf wandern, um das Schmetterlingshaus zu besuchen.
Heiko, vom Museum, hatte mir eine Wanderkarte besorgt und so ging es los, an der Lausur entlang, erst Richtung Neuschönau und dann Richtung Süden, auch wenn sich das vom KUKUmobil aus wie Norden anfühlt.
Aus Großschönau heraus führt der Weg dabei am Schaufenstermuseum im Gemeindeamt vorbei, dann an einem der erhaltenen Trockentürme und der großen Hangwiese, die früher zum Bleichen der Stoffe genutzt wurde und heute dem Dorf als Festplatz dient. Dahinter liegt die ehemalige und zukünftige Webschule, die in den kommenden Tagen der neue Standort für das KUKUmobil sein wird. Und dann kommt der Wald……
Da mag man jammern, wenn der Regenguss gerade über einem selbst niedergeht, und die Regenjacke sich als doch nicht so dicht erweist, wie sie vom Hersteller gepriesen wird, aber sobald man in die Natur kommt und dieses satte Grün einen umfängt, man über den weichen, federnden Moosteppich geht und das dabei hörbare „Schoff, schoff“ Zeugnis davon ablegt, wie vollgesaugt er ist, dann findet man seinen Frieden, auch mit diesem Wetter.
Natürlich spürte ich da den Impuls, auf diesem wunderbaren Teppich ein Pop-Up-Labyrinth zu bauen. Mit Zapfen. Ich hatte sogar angefangen, bin aber nicht weit gekommen. Nicht aus Mangel an Zapfen. Davon gab es genug. Aber jedes mal, wenn ich einen von ihnen hochnahm, kam ich mir vor, als wenn ich ein Hochhaus von A noch B bewegen oder eine echte Zwangsumsiedlung betreiben würde. Unzählige kleine und noch kleinere Lebewesen haben dort ihr Heim. Ich kam mir gemein vor. Also habe ich schnell die schon bewegten Zapfen wieder an die ursprüngliche Stelle gelegt und mich entschuldigt. Ich wäre ja auch nicht glücklich, wenn eine stürmische oder flutende Hand mein KUKUmobil von A nach B versetzen würde….
Zwischen zwei Regenschauern bin ich durch Waltersdorf gewandert, bis ich an der Kirche ankam und in der Touristeninfo nach einer etwas größeren Wanderkarte fragen konnte. Damit ausgestattet machte ich mich auf den Weg nach Jonsdorf.
Irgendwie habe ich es geschafft, immer wenn es richtig nass wurde, einen Hochsitz parat zu haben, der mir für die kurze Dauer des Schauers Schutz bot. Es war nicht wirklich kalt, also war es okay, solange die Füße trocken blieben.
Erinnerungen kamen in mir hoch, wie ich in meiner Kindheit in ebenso feuchten und kühlen Sommern mit meiner Mutter irgendwo im deutschen Süden den Urlaub mit langen Spaziergängen verbracht habe. Schweigend sind wir stundenlang durch die Natur gewandert. Es war nie wirklich langweilig, aber auch nie wirklich spannend. Die Kunst bestand für mich darin, in dieser allgemeinen Unaufgeregtheit das Besondere in den kleinen und unscheinbaren Dingen am Wegesrand zu entdecken.
Meine Mutter hatte ein sehr pragmatisches Verhältnis zur Natur und ein nüchternes Verhältnis zum Wandern. Aber was ihr nie entgangen ist, war all das, was Natur dem Menschen an Nützlichem zu bieten hat.
Wir hatten damals auch keine besondere Ausrüstung, Wegzehrung oder Wanderkarten. Trotzdem haben wir es immer irgendwie geschafft, gut an das Ende unseres Weges zu kommen. Zumindest habe ich keine gegenteilige Erinnerung und wenn ich alleine unterwegs bin, neige ich eher zum einfach Loslaufen mit sehr bescheidenem Beiwerk, wenn überhaupt, in dem Vertrauen darauf, dass es schon irgendwie gut gehen wird.
Wie ihr seht, die Natur meinte es gut mit mir. Und auch die Wege waren so gut ausgeschildert, dass ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hatte, nicht zu wissen, wo es langgeht.
Mein erklärtes Ziel war bei dieser Wanderung das Schmetterlingshaus in Jonsdorf. Ich liebe Schmetterlinge. Jemand sagte mir vor einigen Tagen noch am KUKUmobil, ich solle auf alle Fälle Schmetterlinge mit in den Teppich weben, denn Schmetterlingen seine das Symbol für die Seele.
Und tatsächlich finden sich Darstellungen des Schmetterlings schon im alten Ägypten. In altgriechischer Zeit war der Nachtfalter das Symbol für die Seele, welche im Schlaf (Traum), in Trance oder nach dem Tode eines Menschen sich vom Körper trennt und geistige Sphären erreicht. In dieser Funktion kommt der Falter dem Urbild des Seelenvogels recht nahe, oder mag im gleichen. Es ist die Vorstellung, dass die vom Körper getrennte Seele in dieser geflügelten Form den Leib des Menschen verlässt. Der Windhauch oder Nachtfalter ist der Wortsinn des altgriechischen Wortes Psyche, welches unserer Seele entspricht.
Also kann es durchaus sein, dass es an der ein oder anderen Stelle in dem entstehenden Teppich etwas geben wird, das an Schmetterlinge erinnert.
Jedenfalls habe ich mein Ziel erreicht und mich in das Gewimmel gestürzt. Denn an solch einem regnerischen Tag ist ein Schmetteringshaus für alle Familien, die in der Gegend Urlaub machen ein wunderbares Ziel. Nach der Ruhe im Wald hat mich das Gewusel erst irritiert, aber dann habe ich es genossen, die Kinder dabei zu beobachten, wie sie die Schmetterlinge „jagen“.
Neben der großen Flughalle gibt es in dem Schmetterlingshaus auch eine beachtliche Anzahl an sehr schönen Terrarien. Also alles in allem ein empfehlenswerter Besuch, wenn man Schmetterlinge, Echsen und spinnen mag.
Auf dem letzten Viertel des langen Weges bin ich dann doch noch pitschnass geworden. Aber die warme Backstube wartete auf mich und das Treffen mit den Stricklieseln. Und es war ja nicht wirklich nicht kalt. Also alles gut. Ein langer Tag, ein runder Tag. Ich habe ihn genossen.
Heute habe ich von den Stricklieseln ein paar Strümpfe geschenkt bekommen. Nach der langen Wanderung waren meine müden, nassen Füße so unglaublich dankbar für diese kuschelige Hülle…..
ÜBRIGENS: ein Abschnitt der heutigen Wanderung führte auf dem Rückweg von Jonsdorf nach Großschönau passenderweise über den „Strümpfeweg“. Da ich mich mit den Stricklieseln verabredet hatte, die sich jeden Montag zum Strümpfestricken treffen, es schon spät war und ich nicht sicher sein konnte, ob ich es noch rechtzeitig schaffen würde, gefiel mir diese Verbindung.
Ich habe bei der Touristeninfo in Waltersdorf gefragt, woher der Name kommt, aber leider wußte mir niemand Auskunft zu geben. Ich ließ meiner Fantasie auf dem Weg nach Jonsdorf freien Lauf und stellte mir vor, dass der Pastor von Waltersdorf vielleicht die Jugend dadurch auf den Weg der Tugend zu bringen oder halten versuchte, dass er sie nach gebeichteten Fehltritten als Buße in Strümpfen einen steinigen Weg gehen ließ.
In der jonsdorfer Touristeninfo versuchte ich es ein weiteres Mal. Dort wurden mir überraschenderweise gleich zwei Erklärungen gegeben:
Für die Bezeichnung Strümpfeweg gibt es zwei Überlieferungen.
Nummer 1 – die Jonsdorfer Variante: Das Waldstück ist sehr sumpfig – und aus Sümpfeweg wurde im Laufe der Jahrzehnte Strümpfeweg.
Nummer 2 – die Bertsdorfer Variante: ursprünglich Stümpfeweg – das Waldstück gehörte zum Bertsdorfer Flur und es wurden dort viele Bäume gefällt (die Stümpfe ließ man stehen), die dann zum nicht mehr vorhandenem Sägewerk, unterhalb vom Taubenberg verbracht wurden. Für das Sägewerk wurde Wasser aus dem Pochebach weggeleitet. Wer aufmerksam sucht findet noch wenige Reste Grundmauern.
Der Strümpfeweg wurde 1934 angelegt, vorher lief man an der Waldkante am Feld entlang.
Nun, Sümpfe, Stümpfe, Strümpfe….. mit fällt dazu ein, dass das Ganze vielleicht schlicht und ergreifend auf einen Schreibfehler zurückzuführen ist. Wäre nicht das erste Mal, dass so etwas passiert.
Spannend ist aber, dass ich, als ich diese Frage in die Strickliesel-Runde brachte, um zu hören, was die Frauen darüber wissen, von ihnen eine ganz andere Erklärung zu hören bekam.
Der Name Strümpfeweg sei eng verbunden mit der 1907 in Warnsdorf gegründeten Strumpffabrik KUNERT.
Maria Kunert, geborene Worm (*1873 †1950), meldete im sudeten-deutschen Warnsdorf (heute Varnsdorf, Tschechische Republik) eine Strickerei an, um auf ihrer Handstrickmaschine gewerbsmäßig Strümpfe und andere Strickwaren zu produzieren. Der Grundstein für die Weltmarke KUNERT war gelegt.
Anfang der 1920er Jahre stiegen Marias Mann Julius Kunert sen. (*1871 †1950) und später die beiden Söhne Heinrich (*1899) und Julius jun. (*1900 †1993) in die Strickerei ein und erweiterten sie. Vor allem die Söhne brachten neuen Schwung in die Geschäfte und erkannten die Zeichen der Zeit, denn nach dem Ersten Weltkrieg gab es eine erstaunliche Freizügigkeit in der Mode: Die Frauen zeigten Bein und es entstand eine große Nachfrage für elegante Beinbekleidung.
Als erster Hersteller druckte KUNERT 1924 den Firmennamen auf die Verpackungen, sodass zufriedene Kunden beim nächsten Kauf gezielt KUNERT Strümpfe verlangen konnten. Die Marke KUNERT wurde so zum Synonym für elegante Beinbekleidung.
Als erster Hersteller druckte KUNERT 1924 den Firmennamen auf die Verpackungen, sodass zufriedene Kunden beim nächsten Kauf gezielt KUNERT Strümpfe verlangen konnten. Die Marke KUNERT wurde so zum Synonym für elegante Beinbekleidung.
Die Erfindung der Cotton-Maschine machte es möglich Strümpfe in der Form von Beinen herzustellen. Die Familie Kunert kaufte Cotton-Maschinen und gründete im Juni 1924 die „Wirkwarenfabrik J. KUNERT & Söhne GmbH“. Im Oktober wurde mit 18 Mitarbeitern die Produktion aufgenommen. Sie betrug zunächst rund 300 Paar Strümpfe pro Tag.
Elite waren die ersten Strümpfe aus Bembergseide, eine Kupferkunstseide. In den 1930er Jahren wurden sie zu den meistgekauften Strümpfen in Europa. Sogar Marlene Dietrich warb verführerisch mit diesen besonderen Strümpfen.
Der gelernte Kaufmann Julius Kunert jun. erkannte das Potential im Ausland und setzte auf den Export. Das Unternehmen avancierte zu Europas größtem Strumpfhersteller mit etwa 5.000 Beschäftigten.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Familie Kunert enteignet, weswegen sie in den Westen floh. Gemeinsam mit einigen Mitarbeitern aus Warnsdorf wagte sich Julius Kunert jun. 1947 an den Neuaufbau in Immenstadt im Allgäu.
Welche auch immer die zutreffende Erklärung für die Wahl des Namens sein mag, der Weg ist wunderschön und hat mich rechtzeitig nach Großschönau zurück gebracht, um mich zu den Stricklieseln zu gesellen und den nicht unanstrengenden Tag gemütlich ausklingen zu lassen.
Und, als letzte Verknüpfung des Tages: Die oben erwähnte Bembergseide wurde in Wuppertal erfunden: J. P. Bemberg hat 1900 in Wuppertal-Oberbarmen die Entwicklungsarbeiten zur Kupfer-Kunstseidenproduktion begonnen, als deren Ausgangsstoff ab 1908 die Linter genannten, nicht verspinnbaren kurzen Samenhaare der Baumwollsamen dienten. Ein von Edmund Thiele 1901 bei der J.P.B. entwickeltes Streckspinnverfahren machte es möglich, aus diesem Rohstoff Filamente zu produzieren, die – als Bemberg-Seide bekannt – in ihrer Feinheit der Naturseide entsprach und außerdem noch eine größere Festigkeit als Viskose-Kunstseide besaß. Es wurde eine Fabrik zur Kupferseiden-Produktion mit einer Kapazität von 500 bis 600 kg/Tag im Ortsteil Öhde der Stadt Wuppertal errichtet. Ein weiterer Ausbau des Werkes erfolgte in den Jahren 1925 bis 1928. (Wikipedia-Link)
Nach der Wanderung entlang der Mandau geht es in die „Berge“. Erste Übung: der Hutberg, der „Hausberg“ von Großschönau. Er ist mit seinen nur 315 m keine wirkliche Herausforderung, bietet aber trotzdem einen schönen Blick über das Dorf und darüber hinaus auf Übung Nummer 2: die Lausche.
Die Lausche (tschechisch Luž, obersorbisch Łysa) ist mit 792,6 m ü. NHN der höchste Berg im Zittauer Gebirge und im gesamten Lausitzer Gebirge sowie die höchste Erhebung in Deutschland östlich der Elbe. Sie und ich, wir warten auf einen trockenen Tag, um uns zu begegnen. Ich übe mich in Geduld.
Ihr wisst, ich mag Sagen und habe mich natürlich kundig gemacht. Zu beiden Bergen gibt es im Sagenschatz des Königreichs Sachsen eine:
In der Nacht des Tages aller Seelen zeigen sich auf dem bei Schönau gelegenen sogenannten Hutberge große Feuergestalten von kegelförmiger Gestalt, die herum hüpfen und dabei ganz sonderbare Töne hören lassen. Dieses ist der Zeitpunkt, wo sich von der 11. bis 12. Stunde der Nacht der Berg öffnet, und dem glücklichen Entdecker eine Braupfanne voll Gold sichtbar wird, die derselbe, nachdem er zuvor die Geister der Unterwelt durch ein Opfer besänftigt, heben kann. Jener Schatz soll aber aus den Reichthümern bestehen, die hier einst ein gewaltiger Raubritter Ulrich Ruprecht gesammelt und in einem am Abhange des Berges gelegenen Felsenkeller versteckt hatte. Einst soll nun, während der Ritter in demselben in seinen Schätzen wühlte, der Böse den Zugang, den Niemand weiter kannte, versperrt haben, und der Geizhals, dem der Ausgang verschlossen war, mußte nun bei seinen Schätzen verhungern.
Auf der Lausche bei Zittau zeigt sich, wie wohl äußerst selten, ein Vogel von gar wunderlicher Gestalt: Ständer gleich einem Storch, Kopf und Schnabel wie ein Lämmergeier, große Fittige wie ein Fregattvogel, und einen Schwanz wie der Secretär habend, von überaus buntfarbigem, wunderschönem Gefieder. Dieser seltene Vogel ist nichts mehr und nichts weniger als ein von einem bösen Zauberer in einen Vogel verwandelter Prinz. Dieser Prinz war aus dem Böhmerlande, eben so schön von Gesicht als reizend von Gestalt, in allen Künsten und Wissenschaften seiner Zeit erfahren, menschenfreundlich und wohlthätig, kurz das vollkommene Muster eines Fürsten, nur ein etwas zu eifriger Freund der Jagd. Eines Tages jagte er nach der Mittagsstunde in der Nähe der Lausche. Da begab es sich nun, daß ein gewaltiger Adler in der Luft kreiste, der Prinz sendete von seinem Bogen einen fern treffenden Pfeil nach ihm, und aus den Wolken herab stürzte der König der Vögel, und fiel in den auf der Lausche damals befindlichen Garten eines Zauberers, welcher unglücklicher Weise in einer Laube daselbst sein Mittagsschläfchen hielt. Wüthend über das Getöse, welches der Adler in seinem Falle verursachte, und über den Schaden, den das herabstürzende schwere Thier in den Blumen und Gesträuchen des Gartens verursacht hatte, eilte der Zauberer aus demselben, und als er den Prinzen vor sich sah, berührte er ihn mit seinem Zauberstabe und rief: „sei einer des Geschlechts, wovon Du einen getödtet, so lange bis Dich ein Jäger, der seiner Herrschaft nie etwas veruntreut hat, erlegt! Durchstreifte unstät die Lüfte.“
Man kann nicht gewiß bestimmen, ob sich ein solcher Jäger gefunden und die Bezauberung gelöset habe, oder, ob der unglückliche Prinz noch immer die Lüfte durchirre.
Nicht, dass hier noch der Eindruck entsteht, ich wäre nicht auch fleißig am weben. Ganz im Gegenteil habe ich, getreu meines Vorsatzes, am großen Webstuhl nur dann zu arbeiten, wenn ich auf Reisen bin, an dem Satz von Hilde Domin weitergewebt.
Simone, die ich hier kennengelernt habe, legt Zeugnis davon ab:
Liegt man mitten am Flußlauf, wie das bei Großschönau und der Mandau ja der Fall ist, dann hat der Fluß, wie die Wurst, zwei „Enden“. Das eine führt, wie bereits berichtet, ins Böhmische, das andere nach Zittau.
Also ging meine zweite Wanderung Richtung Zittau, immer an der Mandau entlang. Ein wunderbarer Weg. Da ich erst am späten Nachmittag aufbrechen kann, lag mein Ziel nicht ganz so weit entfernt:
Hainewalde. das sind ca. 6 km vom Museum in Großschönau aus. Und Hainewalde hat etwas besonderes zu bieten:
Wie wir aus WIKIPedia lernen können, hat der königlich-preußische Kammerherr Samuel Friedrich von Kanitz das „Neue Schloss“ zwischen 1749 und 1755 im Barockstil in den Talhang der Mandau errichten lassen. Vom Talgrund führt eine Terrassenanlage mit fünf Absätzen zum Hauptgebäude des Schlosses. Das Hauptportal wird von toskanischen Säulen gestützt, der Schlussstein zeigt das Doppelwappen der Familien von Kanitz und von Kyaw. Zwei Seitenflügel bilden einen Vorhof zum Hauptgebäude. Auch der am Hang gelegene Schlossgarten war mit Gartenteich, Hecken, Mauern, Gärtnerei, Orangerie und mehreren Pavillons im barocken Stil gestaltet. Zum damaligen Zeitpunkt hatte das Schloss den Beinamen Sanssouci der Oberlausitz.
Geblieben ist eine große Herausforderung für den im Jahre 2000 gegründeten „Förderverein zur Erhaltung des Kanitz-Kyawschen Schlosses Hainewalde e. V.“ . 2007 begannen dank seiner Initiative die Sanierungsarbeiten des Ostflügels. Die Zukunft wird zeigen, ob all die Bemühungen des Vereins, interessierter Menschen, verantwortlicher denkmalpfelgender Institutionen auf lokaler, regionaler und welcher Ebene auch immer zu einer erfolgreichen und nachhaltigen Wiederbelebung dieses Gemäuers führen. Potential hat es.
Wie im Leben, so auch im Tod.
Selbstredend spiegelt sich die Bedeutung Derer von Kanitz und von Kyaw auch in der Begräbnisstätte wider. Bis in den Tod hinein soll deutlich sein, wer gleicher ist unter Gleichen.
Die Mandau meandert durch Großschönau wie einen roten Schußfaden durch die Kette. Und wie Flüsse das so tun, schert sie sich einen Teufel um Ländergrenzen. Sie entspringt in mehreren Quellen nordöstlich von Brtníky (Zeidler) in der Tschechischen Republik. Von dort fließt sie zum östlich benachbarten Rumburk, in südöstliche Richtung weiter durch Seifhennersdorf und Varnsdorf, und dann in Richtung Osten in die Oberlausitz. In Zittau muündet sie in die Lausitzer Neiße.
Und wie Flüsse das auch oft so tun, bringt sie Segen und manchmal auch Fluch über das Land. Sie bewässert und bringt Antriebskraft, aber sie überschwemmt eben auch, wenn Hochwasser kommt. Auf den alten Karten, die im Museum zu sehen sind, kann man erkennen, wie schon seit der ersten Besiedlung ein Abstand zum Fluss gewahrt wurde, um ihm genug Raum zu geben, damit er sich ihn nicht nehmen muss, wenn es ihn braucht.
Ich habe auf jeden Fall beschlossen, mich auf meinen ersten Wanderungen von der Mandau leiten zu lassen. Dabei ging es zuerst „ins Böhmische“, wie man hier sagt, wenn man von der Tschechischen Republik redet, weil das viel zu lang und umständlich klingt. Genau gesagt nach Varnsdorf, dem Nachbarn auf der tschechischen Seite der heutzutage kaum noch wahrnehmbaren Grenze, denn beide Ortschaften gehen fast ineinander über. Nur wenn man auf die Infotafeln schaut, merkt man, dass sich etwas verändert hat. Denn da wo man auf deutscher Seite alles in den drei Sprachen Polnisch, Tschechisch und Deutsch findet, sind die Texte auf der tschechischen Seite nur in der Landessprache verfügbar.
Ansonsten ändert sich nicht viel. Ein buntes Durcheinander von Umgebindehäusern, älteren und neueren Wohngebäuden, Industrie und Villen. Auch diese mal saniert, oft eher nicht. Insgesamt macht es den Eindruck, als ob auf der tschechischen Seite weniger Energie zu Verfügung stünde, um auf ein einheitlicheres, gepflegtes Stadtbild hinzuarbeiten. Es wirkt eher so, als ob jedes Gebäude seinem Schicksal überlassen ist. Einige haben halt Glück, die anderen nicht.