Ich versteh das, manchmal ist es nicht so einfach, den Weg zu finden.
Zwei Tage habe ich mir Zeit genommen, um an der Neiße entlang zu wandern. Diesem Fluß, der so lange eine ernste, im Sinne von tatsächlich trennende, Grenze war; der jetzt eine geographische Begebenheit ist, die beim Wandern kaum merklich überschritten werden kann und im Alltag wenn, dann auf administrativer Ebene, Hürden mit sich bringt; und der irgendwann in der Zukunft, wenn die Europäische Gemeinschaft oder wie auch immer sie sich nennen mag, oder wir sie nennen mögen, noch enger zusammengerückt ist, auch auf der gesellschafts- und sozialpolitischen Ebene, vielleicht selbst das nicht mehr sein wird.
Der Weg beginnt für mich mit einer kurzen Wartezeit an der Brücke über die Mandau, die sich Fußgänger, Autofahrer und die Schmalspureisenbahn teilen. Von dort geht es schnell bis an den ehemaligen Grenzübergang. Mein Weg wird mich auf der polnischen Seite bis zum Dreiländereck führen, denn von der deutschen Seite aus kann man dieses Eck nur sehen, nicht begehen, außer man stiefelt durch die nicht sehr tiefe Neisse auf die andere Seite.
Bis um Dreiländereck ist es ein bewachsener Fußweg. Daran schliesst sich ein gut ausgebauter asphaltierter Weg an, der für Radfahrer wunderbar, für Wanderer eher etwas langweilig ist, denn wir mögen es ja schon, wenn wir ab und an eine Unebenheit unter unseren Sohlen spüren.
Direkt am Dreiländereck gibt es auf tschechischer Seite ein sehr schönes kleines Sumpfgebiet, das mit Holzstegen für den Fußgänger zugänglich gemacht wurde. Nach der langen Zeit, die der Natur inzwischen zur Verfügung gestanden hat, ist kaum noch zu merken, das all dies einmal Braunkohleabbaugebiet war. Auch am Kristýna-Badesee sieht alles so aus, als wenn es immer schon so gewesen wäre.
Ein wenig weiter Richtung Süden gibt es einen Übergang über die Neiße. Kurz darauf kommt der ehemalige Grenzübergang Hrádek-Hartau.
Auf dieser Seite verlaufen eigentlich die Wander- und Radwege, gut gekennzeichnet, gut ausgebaut.
Auf dem Rückweg habe ich eine Kneipp-Station am Dreiländereck eingelegt und meine Füße waren dankbar für das kühlende Streicheln des Neißewassers. Es ist hier wirklich nicht sehr tief. Zumindest im Normalfall. An vielen Orten haben mich die Inschriften an die Flutkatastrophe im August 2010 erinnert.
Das Ende meines ersten Neiße-Wandertags war die Mündung der Mandau in die Neiße.
Mein zweiter Wandertag an der Neiße begann mit einer Zugfahrt. Ich hatte nicht ganz so viel Zeit und daher war es ganz gut zu wissen, dass ich bestimmte Abschnitte der Strecke fahrend zurücklegen konnte.
Also ging es erst einmal nach Hirschfelde, diesem kleinen 1500-Seelen-Dorf direkt an der Neiße und im Schatten des umstrittenen Braunkohle Großkraftwerks und des riesigen Abbaugebietes Turów.
Hier ein Link zu einem Artikel vom 18.07.2023
Die Verbindung zu Polen ist abgeschnitten. Es gibt keinen Grenzübergang und es wird laut Erzählungen nicht gerne gesehen, dass man sich in der Nähe des Tagebau-Geländes aufhält. Ich hatte nämlich nachgefragt und wäre der Sache gerne mal ein wenig auf den Grund gegangen.
Zurück zur Wanderung. Also, Hirschfelde wartet mit einem kleinen Industriepfad auf. Ich habe ihn nicht ganz abgelaufen, aber er kreuzt den Oder-Neiße-Rad und Wanderweg an der ehemaligen Flachsspinnerei.
Hier für Neugierige ein Link zur Wikipediaseite der Spinnerei
Wenn man den Gebäudekomplex hinter sich gelassen hat, beginnt der Neißetalweg. Gut asphaltiert führt er recht nah an der Neiße entlang und gibt immer mal wieder einen schönen Blick auf den Fluß frei.
Was dem Fahrradfahrer sein Glück, ist dem Wanderer seine Langeweile. Es ist einfach nicht so prickelnd, auf asphaltierten Wegen zu wandern. Das heißt nicht, dass ich mich nach Geröll sehne, aber die ein oder andere Wurzel, auf die man zu achten hat, der Geruch des Mooses oder des Laubes, wenn man drüberläuft, diese kleinen Dinge, die das Wandern so abwechslungsreich machen, die fehlten mir halt. Klar, so kann man gut Kilometer machen, aber darum geht es ja nicht jedem und nicht immer.
Wahrscheinlich wäre es für die Wanderung nach Marienthal sinnvoller gewesen, einen Waldweg durch den Klosterwald zu wählen, aber dann wäre ich ja nicht „immer an der Neiße lang“……
Und Zeiten ändern sich. Ich bin kaum Wanderern begegnet. Alle Welt scheint mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Wobei mir ein Fahrrad ja fast schon zu schnell ist, um all das wahrzunehmen, was es am Wegesrand so zu entdecken gibt.
Eindrücke vom Kloster Sankt Marienthal.
Enden sollte die Wanderung in Ostritz. Dort gibt es eine Zug-Haltestelle, Bahnhof kann man das nicht nennen, auf polnischer Seite der Neiße. Ich habe mich durchgefragt und mein Ziel tatsächlich gefunden. Eine halbe Stunde mußte ich auf den Zug warten, der stündlich Görlitz mit Zittau verbindet, und konnte so die surreale Situation dort so richtig auf mich wirken lassen.
Es gibt zwar ein altes Bahnhofsgebäude, das ist aber vollkommen verfallen, bis auf zwei hellgelbe Kachelöfen, die dem Verfall der Zeit trotzen. Sonst gibt es nichts. Na gut, zwei Papierkörbe und zwei mit Sitzgelegenheiten ausgestattete Wartehäuschen. Aber sonst gibt es wirklich nichts. Wenn es nicht so grün gewesen wäre, sondern eher trockenbraun, dann wäre ich mir bei der Mittagshitze, dem leichten Wind, dem Zirpen der Grillen und der sonstigen Stille vorgekommen, wie in einem Wildwestfilm.
Aber der Zug kam pünktlich. Erst der nach Görlitz, dann meiner, nach Zittau.
Ein paar Fundstücke auf dem Weg:
Fäden spinnen, halten, verknüpfen und verweben ist Teil unseres Wesens und unseres Alltags. Auch eine hohe Achtsam- und Bedachtsamkeit, wenn es darum geht, Fäden abzuschneiden. Mit „uns“ meine ich hier all diejenigen, die „im Textilen“ unterwegs sind.
Daher ist es nicht verwunderlich zu beobachten, wie fleißig schon seit einiger Zeit in der Oberlausitz Fäden verwoben werden. Vielleicht werden einige von ihnen zukünftig in der Oberlausitzer Webschule zusammenlaufen, dass sie aber jetzt schon gesponnen werden, habe ich am eigenen Leib erlebt, und nicht nur durch die enge Zusammenarbeit zwischen der Webschule und dem Deutschen Damast- und Frottiermuseum.
Kaum war ich in Zittau angekommen, kamen Matthias Tirsch und seine Kollegin Judit Harsanyi am KUKUMobil vorbei und luden mich in das LANDER³ Naturfaserzentrum der Hochschule Zittau-Görlitz ein.
Ich hatte ein wenig davon erzählt bekommen, aber nur ein wenig. Gerne bin ich also auf die Einladung eingegangen, habe mir das Zentrum angeschaut, zugehört, gefragt und gestaunt. Es ist beeindruckend, was dort an Forschungs- und Innovationsarbeit getan wird.
Eins der Herzstücke ist dieser „Röster“. Im Röstprozess wird aus der Pflanze die Faser gewonnen. Die Fasern sind zu Bündeln zusammengefasst, die mit Pflanzenkleber (Pektinen) zusammengehalten werden. Diesen Kleber muss man lösen, in einigen Regionen macht man das in Warmwasserbecken und dort lassen sich dann ganz schnell Bakterien und Pilze nieder, die sich vom Pflanzenkleber ernähren, doch eben auch einen Einfluss auf das Wasser und die Tierwelt haben. In China wird die Röstung in Betonwannen durchgeführt und das Wasser wird am Ende einfach in die Umwelt gegeben. Das führt zu einer enormen Belastung und Schädigung der Umwelt.
Hier in Zittau geht es darum, den vollständigen Kreislauf so zu gestalten, dass erstens alle Neben- oder Abfallprodukte wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden, beziehungsweise Teil eines neuen Kreislaufs sein können, und zweitens, dass die produzierten Materialien direkt wieder voll verwertbar sind. Daraus ergibt sich ein komplexes Gefüge ineinander greifender Kreisläufe, so wie Rädchen in einem Uhrwerk.
Mir fehlen die chemischen und physikalischen Kenntnisse, um all dies genauer zu erklären.
Auf der Seite lander.hszg.de habe ich diesen Text und das nachfolgende Video gefunden:
Leben und Produzieren auf dem Industrieniveau des 21. Jahrhunderts mit dem, was die Natur hergibt – Naturfasern, (Bio)Polymere, Kreislaufwirtschaft und erneuerbare Energien – darin sehen wir unsere Zukunft. Das technologische Alleinstellungsmerkmal der Partnerschaft ist und bleibt die Betrachtung der geschlossenen Wertschöpfungskette von Naturfaserverbundwerkstoffen: Von der Gewinnung der Naturfaser bis hin zur Verwertung der Bauteile am Ende des Lebenszyklus.
Der Aufbau eines lebendigen, in der Lausitz regional verankerten Netzwerkes mit dem Ziel einer ganzheitlichen Material- und Technologieentwicklung rund um naturfaserverstärkte Kunststoffe (NFK) ist und bleibt das übergeordnete Ziel der Partnerschaft LaNDER³.
Zu verstehen, wie viele Ressourcen die Natur uns noch bereit hält, ohne dass wir sie tatsächlich nutzen, ist beeindruckend und motivierend.
Dass der Weg zu einer effektiven Nutzung _ wie auch immer wir diese in der Zukunft definieren wollen, bzw. woran wir „Effektivität“ festmachen wollen _ noch einige Hindernisse, Steigungen und vielleicht auch Sackgassen bereithält, ist allen Beteiligten wohl klar. Dass sie sich nicht davon abhalten lassen, diesen Weg zu gehen, das ist mir klar.
Ich habe vom Matthias und Judit einige Proben geschenkt bekommen, um sie symbolisch in den Teppich einzuweben. Wie wir unseren frisch geknüpften Faden weiter verweben, dass wird sich zeigen. Ich habe ihn mit großer Ernsthaftigkeit in die Hand genommen und werde darüber nachdenken, was denn mein Beitrag sein kann.
Ja, Zittau. Mein erstes Mal hier in der Gegend. Ich bin angetan von dieser Stadt und von ihrer Umgebung.
Je weiter ich in den Osten ziehe und ihn erkunde, um so interessanter finde ich es bei mir zu beobachten, wie sich mein Gefühl von Peripherie zusehends verlagert, das im Fall von Zittau ja eigentlich nur dann entsteht, wenn die Gedanken am deutschen Tellerrand kleben bleiben. Manchmal läßt sich das nicht vermeiden. Wenn es um verwaltungs-technische oder bundespolitische Fragen geht, dann hängt man von einer Regierung und einem Verwaltungsapparat ab, der eingebettet ist in die Nationalgrenzen.
Wenn man aber den Alltag der Menschen hier betrachtet, dann leben sie im Zentrum, und zwar im Zentrum des Dreiländerecks und über den nationalen Tellerrand hinweg schauen sie auf Polen und die Tschechische Republik, haben Prag und Breslau so weit weg, wie Dresden; und Berlin so weit weg wie Nürnberg, Linz, Wien, Posen oder Brünn. Zumindest Luftlinie auf der Landkarte. Für die Menschen hier ist das ganz normal, mich erfüllt das immer noch mit Erstaunen. Die Deutschlandkarte meiner Schulzeit hatte zwar im Osten keinen weißen Fleck, aber man hat halt aus dem Ruhrgebiet, in dem ich groß geworden bin, eher in Richtung Westen geschaut, nach Frankreich, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden… und war damit erst einmal eine Weile beschäftigt. Selbst Berlin war gefühlt ganz weit weg.
Und mir fehlen die Nachwendejahre, die ich im Ausland gelebt habe, um diese Lücke zu füllen, um nach und nach den Teil Deutschlands zu erkunden, den ich in meiner Jugend nicht kennenlernen konnte. Also ist alles Neuland für mich und das Gefühl der Verschiebung des geographischen Mittelpunktes, von dem aus man sich die Welt erschließt, eben auch. Und es tut mir gut, durch die vielen positiven Begegnungen mit den Menschen auf meinen Fahrten mit dem KUKUmobil meine emotionale Deutschlandkarte entsprechend zu ergänzen.
Und dass es mich Richtung Osten zieht, hat natürlich auch mit meiner eigenen Biografie zu tun. Meine Mutter stammte aus einem kleinen Dorf in der Umgebung von Kalisz, heute Polen; mein Vater stammte aus dem tschechischen Teil Schlesiens, ich wußte nie genau woher. Beide mußten als Kinder fliehen. Beide haben mir nie viel, eigentlich fast gar nichts erzählt aus dieser Zeit. Beide sind nicht mehr. Die Fäden, die mich mit der Vergangenheit verbinden könnten, sind abgerissen. Aber irgendetwas scheint mich immer wieder gen Osten zu ziehen. Gerade jetzt, wo alles erreichbar ist. Ich habe keine konkreten Orte, die ich besuchen könnte, so wie Grabsteine an denen man der Toten gedenken kann. Aber es gibt ein Gefühl, das mitschwingt. Und eine Wunde, die heilt.
Aber zurück zu Zittau, der Stadt die sich so spontan bereit erklärt hat, dem KUKUmobil für eine Woche Wahlheimat zu sein.
Wie in anderen Städten, die ich inzwischen in Ostdeutschland besucht habe, fällt mir die Durchmischung von sanierter und ruinöser Bausubstanz ins Auge. Dahinter gibt es sicherlich Erklärungen die von wagemutigen oder spekulativen Ankäufen nach der Wende, von Erbgemeinschaften, die sich nicht einigen können, bis hin zu gut gemeinen aber trotzdem überschätzten Fehlkäufen und fehlender Kapazität zur Sanierung großer Gebäude reichen…. Auf mich wirkt das wie eine Lotterie: Manche Gebäude haben das große Los gezogen und dürfen wieder im vollen Glanz ihrer architektonischen Schönheit erstrahlen, manche fristen im heruntergekommenen Bettelkleid ihr Dasein und wissen nicht wohin mit sich und der eigenen Scham von „was ist bloß aus mir geworden“. Lohnt es sich, auszuhalten, weil irgendwann doch noch der Wachküß-Prinz kommt?
Absichtlich genau so durchmischt lass ich jetzt auch mal einige Schnappschüsse aufeinander purzeln, die ich bei meinen Stadterkundungen eingefangen habe. Dann wisst ihr, was ich meine.
Definitiv gibt es noch Luft nach oben. Zuzüge sind erwünscht, denke ich. Raum ist verfügbar. Nicht nur für abenteuerlustige Kapitalanlagen, die eins dieser ehemals wundervollen Gebäude wiederbeleben wollen und könnten. Auch Wohnraum ist noch zu sinnvollen Preisen zu haben, ohne jetzt einen Gentrifizierungssturm über Zittau heraufbeschwören zu wollen. Und der derzeit etwas über 25.000 Einwohner zählenden Stadt würde es guttun. Die Bevölkerungsprognose der Bertelsmannstiftung von 2017 sah eine deutliche Schrumpfung der Bevölkerung um 18% bis 2030 vor. (wikipedia). Das mag sich geändert haben.
Ich weiss nicht, ob die jungen Leute, die Zittau verlassen, um andernorts ihren Beruf zu erlernen, oder erst einmal zu finden _was ja auch gut und wichtig ist _ ausreichende Anreize und Möglichkeiten haben, um wieder zurückzukommen _ denn auch das ist wichtig.
Ich finde die Überschaubarkeit einer Stadt in der Größenordnung von Zittau angenehm. Man beginnt relativ schnell, Menschen auf bestimmten Wegen wiederzuerkennen. Die Morgenspaziergänger am See, zum Beispiel, grüßen sich nicht nur, wenn sie sich dort begegnen, sondern auch, wenn sie sich auf dem Marktplatz wieder über den Weg laufen. Das Kulturangebot ist vielseitig genug, dass es einen nicht übersättigt. Es gibt zwar kein Hungergefühl (das ist nie gut _ schon mal mit Hunger einkaufen gegangen?), aber einen leichten Appetit auf mehr. Das ist ein guter Nährboden für kulturelles Wachstum. Und da gibt es immer etwas zu tun, zum Beispiel, die Gesellschaft immer wieder in den lebendigen und respektvollen Dialog zu bringen.
Bei all dem Nachdenken über die Gegenwart und Zukunft kann ich es nicht vermeiden, dass mich die Stimmen der Vergangenheit mit einer Mischung aus Wehmut und Faszination erfüllen.
Zittau, die Reiche an Impulsen und Ideen, an Gedanken und Möglichkeiten. Danke für die Zeit, die das KUKUmobil dort sein und ich all diese Eindrücke sammeln durfte.
Es war mir ein Genuß.
Meine Güte, ich weiss nicht, wie oft ich dieses Buch vorgesungen habe. Ich hatte mir die Melodie selbst ausgedacht, passend zu den Versen. Das liegt vor allem daran, dass es mir nicht so liegt, Gedichte laut vorzulesen. Bei mir klang es etwas anders, aber diese Version finde ich auch gut.
Jedesmal, wenn ich eine Dampflok sehe, erinnere ich mich daran……. Und alle Dampfloks heißen bei mir Henriette. Da ist die Zittauer Schmalspurbahn keine Ausnahme.
Bereits seit 1890 befördern die Dampfrösser der Zittauer Schmalspurbahn Ausflügler und Urlauber in das kleinste Mittelgebirge Deutschlands, das romantische Zittauer Gebirge. Der erste Betreiber der Bahn war die „Zittau-Oybin-Jonsdorfer Eisenbahngesellschaft“, die sich Z.O.J.E. abkürzte. Der Volksmund deutete die Abkürzung in „Zug ohne jegliche Eile“ um. In gemächlichem Tempo reisten damals wie heute unzählige Ausflügler mit Dampf ins Gebirge.
Zu den vielen Stationen, die auf dem Textilpfad durch das Textildorf Großschönau führen, gehört eine im Gemeindeamt. In diesem Einzimmer-Schaufenstermuseum wird ein ganz besonderes Projekt / Experiment vorgestellt:

Dort befinden sich die beiden entscheidenden Elemente des Experiments: Die Garnitur, für die der Stoff gewebt wurde, und der Webstuhl, auf dem diese Arbeit realisiert wurde.
Auf mehreren Texttafeln wird erklärt, mit welchen Herausforderungen man es zu tun hatte.
Alles beginnt beim Rohmaterial. Das richtige, will sagen zum Weben geeignete Haar zu finden, war eine der ersten Fragen, die es zu lösen galt. Die einzelnen Schweifhaare mußten so lang sein, wie die Kette breit, also zwischen 75 und 80 cm. Denn hier ging es nicht darum, mit verzwirntem Pferdehaar zu weben, wie das in Forst der Fall war (Artikel zur Rosshaarweberei in Forst).
Die ersten Versuche wurden mit mongolischen Pferdehaar gemacht. Das erwies sich jedoch als ungeeignet. Mit der Beschaffung der geeigneten Rosshaare kamen neue Fragen auf: sie mußten eingeweicht und feucht verarbeitet werden, weil sie sonst zu brüchig waren. Sie mußten, wie gesagt, einzeln in die Kette eingelegt werden, darauf achtend, dass sich Ende und Anfang der Haare in jeder Reihe abwechseln, weil die Haare sich an der Spitze verdünnen und das Gewebe ja nicht auf einer Seite „abfallen“ soll.
Um das Ganze effizient zu gestalten und der „normalen“ Jaquardweberei anzugleichen, bei der der Schutzfaden auf Spulen gewickelt und in einem Schützen liegend durch die Kette geschossen, wurde zuerst mit Holunderstängeln experimentiert, in die die einzelnen Haare eingefädelt wurden. Danach mit Metallhülsen, die mehrere Fäden gleichzeitig aufnehmen konnten.
Aus meiner eigenen Erfahrung an einem der letzten kleinformatigen Bildwirkereien, bei der ich vor Jahren in Nordspanien an Weidezäunen gesammeltes Pferdehaar benutzt habe kann ich nur bestätigen, dass es nicht einfach ist, Pferdehaar zu verweben. Aber das Ergebnis ist sooo schön. Und als Gewebe ist es enorm strapazierfähig, also für eine Sitzgarnitur genau das richtige.
Drei_ Tage_Intensivkurs. Das hat mich einmal mehr nach Großschönau in die Oberlausitzer Webschule gebracht. Im ersten Webersommer. Drei Tage, das sind Freitag, Samstag und Sonntag….. Intensiv, das bedeutet, dass wir wirklich den ganzen Tag vor dem Webrahmen sitzen werden um unser Bild zu weben. Und zwar höchst konzentriert und fokussiert, denn sonst wird die Zeit nicht reichen…..
Wie immer beginnt er für mich mit der Bereitstellung aller notwendigen Werkzeuge und Materialien. Das gestaltet sich jetzt, mit dem KUKUmobil, wesentlich leichter. Alles ist transportbereit in Kisten sortiert. Zwei Griffe, und schon ist alles organisiert …… naja, so ungefähr.
In der Webschule ist es ein Leichtes, die richtige Atmosphäre zu schaffen. Das ist nicht immer so. Manchmal sind es nüchterne Klassenzimmer, die erst einmal imprägniert werden müssen, mit ein klein wenig Freiheit, Farbe und Fröhlichkeit…..
Am ersten Tag, dem Freitag, beginnen wir nachmittags. Da kommen wir erfahrungsgemäß so weit, dass alle Webrahmen mit der Kette bespannt sind und die Webkante im Entstehen begriffen ist. Während der Vorbereitung, die hinsichtlich der erforderlichen Konzentration jetzt nicht so anspruchsvoll ist, wie die zwei kommenden Tage, erzähle ich gerne etwas über die Geschichte der Bildwirkerei, ihre Besonderheiten in Abgrenzung zur Weberei, aber auch ihre Gemeinsamkeiten mit der Malerei und der Philosophie. Denn mir geht es um mehr als ein Bild zu weben.
Ich schicke die Kursteilnehmenden am ersten Tag immer mit einer „Hausaufgabe“ heim: sie sollen sich Gedanken darüber machen, welches Motiv sie während des Kurswochenendes umsetzen wollen.
Dazu gebe ich ihnen einige Empfehlungen auf den Weg :
1. Der Entwurf ist 12 x 12 cm groß. An allen vier Seiten soll es außerdem einen kleinen Rand, ca. 1,5 cm breit, geben. Diesen Rand brauchen wir später, um den Entwurf an der Webkante anzunähen. In welcher Ausrichtung der Entwurf angenäht wird, d.h. welche von den vier Seiten dann tatsächlich diejenigen sein wird, die bei der Arbeit „unten“ liegt, wird am kommenden Tag entschieden.
2. Nicht zu kleinteilig werden, denn die Anzahl der Kettfäden ist begrenzt und zu kleine Flächen können dann nicht gut ausgearbeitet werden.
3. Keine Konturen einplanen, denn jede Kontur belegt einen Kettfaden. Wenn Konturen in der Vertikalen laufen, wird es kompliziert. Farbflächen stoßen also direkt aufeinander.
4. Das Motiv etwas vom Rand entfernt anlegen. Ränder sind an sich Bereiche des Gewebes, auf die man immer ein Auge haben muss. Der Rand soll möglichst gerade bleiben, möglichst gleich mäßig. Wenn das Motiv zu nah an den Rand gesetzt wird, kann sich dort ein Gewebestreifen von zwei, drei oder vier Kettfäden ergeben. Dort muss dann extrem auf die richtige Spannung des Schussfadens geachtet werden.
5. Nicht zu graphisch werden, gerade beim ersten Entwurf. Prinzipiell kann man alle Bilder weben, aber Linien stellen vor allem für Anfänger:innen eine große Herausforderung dar.
6. Der Kreis ist eine der kompliziertesten geometrischen Formen, die wir weben können. Nur so, um es mal gesagt zu haben.
Das sind die Empfehlungen, mit denen alle nach Hause gehen. Ich bin dann immer sehr gespannt, was daraus gemacht wird. Manche mögen Herausforderungen, manche suchen einen überschaubaren Rahmen. Bilder weben ist eben wie Leben. So unterschiedlich wie die Menschen in ihrem Wesen sind und die Gedankenwelt in der sie wandern, so unterschiedlich sind auch die Ideen, die sie zu Papier bringen.
Heike hat sich für einen Fisch entschieden. Den Hintergrund hat sie in unterschiedliche wellenförmige Flächen aufgeteilt. Die Webwolle, mit der sie arbeitet, kann zweifädig in die Kette eingebracht werden. Dadurch besteht die Möglichkeit, auch „meliert“ wirkende Flächen zu gestalten und leichte Farbverläufe anzulegen. Im Fisch sieht man sehr schön, wie sie vom kräftigen Rot am Bauch zum dunklen Lila am Rücken „wandert“, indem sie Farben unterschiedlich kombiniert.
Simone hat sich entschieden ohne Bildvorlage zu arbeiten und dafür einige Übungen zu Techniken des Farbverlaufs durchzuexerzieren. Begonnen hat sie mit den kassischen „hachures“, also den Schraffierungen in unterschiedlichen Farbkombinationen, ist dann übergegangen zu einer sehr feinen Webwolle, bei der 4 Materialfäden zu einem Arbeitsfaden zusammengelegt werden und dadurch schon „auf der Gobelinpinne“ gemischt werden kann. Das bringt sehr viel Subtilität in den Farbverlauf.
Abgeschlossen hat sie ihre Arbeit mit einer Übung zum „Pointillismus“ und einer „wilden hachure“.
Manuela brachte eine graphische Zeichnung mit, die wir aufgrund der zur Verfügung stehenden Zeit, leicht vereinfacht haben. Der Entwurf wurde von ihr zweifarbig umgesetzt.
Was webt jemand, der Katzen liebt? Genau, eine Katze. Und was webt man, wenn man Herausforderungen liebt? Genau, einen Kreis. Und wie bringt man Kreis und Katze zusammen? Genau, in einer Vollmondnacht.
Sehr schön ist die Lösung, die Annemarie gefunden hat, um die lange Vertikale, die sich zwischen Himmel und Erde über das gesamte Bildfeld erstreckt webtechnisch aufzubrechen, damit die Weberei einfacher wird. Denn dass die Katze sich „liegend“ besser webt, und der Entwurf daher um 90° gedreht werden musste, das war ihr schnell klar.
Danke Annemarie, Manuela, Simone und Heike, für eure Zeit. Mir hat es wie immer sehr viel Spaß gemacht euch etwas von dem mitgeben zu können, was mich an der Bildwirkerei so begeistert. Und wer weiss, vielleicht zündet ja auch bei euch ein kleines Flämmchen der Leidenschaft.
Danke an Steffi Friebolin, von der Oberlausitzer Webschule, dass es zu diesem Kurs kommen konnte. Gerne wieder einmal. 🙂
Bevor ich jetzt weiter der Reiseroute folge und über Zittau berichte, hier ein wichtiger Nachtrag zu meiner Zeit in Großschönau. Denn neben all dem Netzwerkweben und der Erkundung neuer Landschaften und Bräuche ging es auch darum, einen Bidwirkereikurs im Rahmen des Ersten WEBERSOMMERS in der im Entstehen begriffenen Oberlausitzer Webschule zu geben.
Vor knapp zwei Jahren, im Herbst ’21, war ich das erste mal in Großschönau. Damals war es auch das erste Jahr, dass in den Räumen der alten Webschule Aktivitäten stattfanden. Im Vorfeld gab es ein umfangreiches Konzept, das über einen Ideenwettbewerb die ersten Fördermittel einwerben konnte, mit denen wiederum die Sanierung des ersten Bauabschnitts und die Etablierung der ersten Angebote gestartet wurden.
Ihr seht schon, da kommt viel „erstes“ zusammen. Denn das ganze Projekt ist in seinem Umfang (baulich und inhaltlich) ein ambitioniertes, zukunftsorientiertes Vorhaben, das einen langen Atem braucht, um immer wieder Allianzen mit der Einwohnerschaft, der Politik, der Wirtschaft, der Bildung und der Kunst zu schließen, um mit Geduld und Leidenschaft ein tragendes Netzwerk aufzubauen, um bewahrend und innovativ zu wirken. Ein langer Weg, aber wenn man nicht irgendwann anfängt zu laufen, dann kommt man nie an.
Die Voraussetzungen sind jedenfalls gegeben. Der Gebäudekomplex hat Potential, die Geschichte des Ortes als Textildorf sowie der Umgebung, die Verbindung mit dem Deutschen Damast- und Frottiermuseum….. das Engagement der Menschen, die dieses Projekt in Händen haben… wenn jetzt auch noch Verwaltung und Politik mitziehen, die Anschlussfinanzierung auf lange Sicht gesichert werden kann und die Einwohnerschaft sich mit dem Fortschritt der Bauarbeiten zunehmend für dieses Projekt begeistert und sich mit ihm identifiziert, dann……. werde ich bei meinem nächsten Besuch in Großschönau auf einen spannenden Ort des Austausches, des kreativen Forschens und Schaffens stoßen. Darauf freu ich mich jetzt schon.
Ich konnte von meinem zweiten Standort in Großschönau zusehen, wie die alte Dachlattung abgenommen wurde, der zukünftige Eingangsbereich hat schon einen Aufzug und die ersten stetigen Angebote sind bereits angelaufen und helfen, diesen Ort als lebendigen Ort zu etablieren. Das sind konkrete Schritte.
Und dann fange ich an mir vorzustellen, was…., wie…, wann… . Es ist immer „gefährlich“ jemanden, der in Kunst und Kultur unterwegs ist, vor solch ein Gebäude zu setzen, denn wenn es darum geht, etwas in Dinge oder Orte „hineinzusehen“, dann sind wir ganz weit vorne. Berufskrankheit, sozusagen.
Ich habe das Konzept nicht gelesen und es wird bald ein zweites geben müssen, um die Folgefinanzierung zu sichern, aber würde man mich fragen, so als Künstlerin…… dann würde ich wahrscheinlich nur das unterstützen können, was jetzt bereits für das Projekt in der Zukunft angedacht ist:
1. Eine permanente Künstlerresidenz mit unterschiedlichen Aufenthaltsformaten. Das könnte finanziell vielleicht ein Selbstläufer sein, wenn man die Webschule gut vernetzt, und es ist aus meiner Sicht eine reine WIN-WIN-WIN-Situation:
2. Ein POP-UP-Ausstellungsraum. Wir hatten die Gelegenheit, mal ganz kurz anzutesten, als Spielerei. Barbara Okeke hat dort ihre Textilien für die Verkaufsausstellung präsentieren können, und ich die kleinformatigen Arbeiten, die ich mitgebracht hatte, um den Kurs zu „unterfüttern“ und Anregungen bereitzustellen….Auch da sehe ich nur Vorteile:
3. ein Begegungs- und Bildungszentrum, in dem alle Fäden zusammenlaufen. 🙂 Bewahren, Bilden, Erneuern….. Kunst, Handwerk, Industrie …..
Ihr seht…. ich könnte stundenlang so weitermachen. Aber ich weiss, dass die für das Projekt Verantwortlichen, allen voran Steffi Friebolin und Annemarie Mönch, mit allen Verbündeten, der Gemeinde, dem Museum, etc. …… sich darüber seit Monaten schon Gedanken machen und daraus ein überzeugendes Konzept für die Zukunft entstehen wird.
Mich macht es froh, dass es solche Orte gibt, im Entstehen, in die Zukunft schauend, neue Wege öffnend, Hoffnung für das textile Kunst_Hand_Werk bewahrend…. ich finde es spannend und bin dankbar dafür, den Prozess im Rahmen meiner Möglichkeiten begleiten zu können.
Ihr werdet also immer mal wieder erfahren, wie es mit der Oberlausitzer Webschule weitergeht, könnt gerne selbst ab und an mal reinschauen auf der Homepage und wenn ihr in der Nähe wohnt:
Da ich gerade in der Zittauer Vergangen unterwegs bin, hier ein unbedingtes „MUSS“ für alle, die Zittau besuchen, welches in meinem Fall mit einem so großen „MÖCHTE“ zusammenfällt, dass ich es gleich als allererstes nach meiner Ankunft getan habe:
1472 von einem unbekannten Meister geschaffen, zählt es mit 6,80 m Breite und 8,20 m Höhe zu den ältesten und größten überhaupt. Schachbrettartig in zehn Zeilen mit je neun Feldern eingeteilt, zeigt es 90 Motive aus der biblischen Geschichte von der Erschaffung der Welt bis hin zum Jüngsten Gericht. 45 Bilder sind dem Alten Testament und 39 dem Neuen zuzuordnen. Sechs stammen aus den Apokryphen und erzählen Mariengeschichten.
Diese Art Fastentücher werden als „Feldertyp“ bezeichnet. Davon sind weltweit nur 18 Exemplare erhalten geblieben, in Deutschland nur ein einziges, und das ist das Zittauer.
So der Text auf der Homepage der Stadt Zittau. Dort wird allen Neugierigen umfassendes Informationsmaterial bereitgestellt, weswegen ich mich jetzt hier nicht weiter über Herkunft, Entstehung, Bedeutung und das spannende, wechselhafte Schicksal dieses Tuches über die letzten 500 Jahre hinweg auslasse. Auch die Fotografien können und sollen nur als Zeugnis meines Besuchs dienen.
Die wirklich spektakuläre Präsentation dieser wunderbaren Arbeit in einer riesigen Vitrine macht es einem nicht einfach, gute Fotos zu ernten. Aber dafür ist sie ja auch nicht gedacht, sondern zum Schutz des Tuches. Ohne die Abdunklung und die stete Überwachung der Luftfeuchtigkeit könnte es gar nicht dauerhaft ausgestellt werden. Also dann lieber so und für die Fotos gibt es einen Katalog zu kaufen.
Fast zwei Stunden habe ich davor gesessen. Ich weiss nicht, ob dem leider unbekannten Künstler bei der Erschaffung bewußt war, dass er mit seiner Kunstfertigkeit und der Fülle der Bilder die Funktion des Fastentuches im strengen Sinne unterlief, sollte doch Verzicht geübt werden, auch die Augen sollten nicht weiden können.
Herausgekommen ist eine Bildergeschichte, die für das Auge das ist, was für die Insekten eine dieser blumenreichen Wiesen, die im Stadtbild immer häufiger zu finden sind. Stundenlang hätte ich davor sitzen und über Gott und die Welt nachdenken können.
Natürlich gehen mir, während meine Augen weiden, viele Fragen durch den Kopf. Zum Beispiel, was es denn mit der Tüchleinmalerei genau auf sich hat. Dem ist dank internet leicht abzuhelfen.
Hier ein Video von der Hochschule für Bildende Künste in Dresden zur Technik der Tüchleinmalerei.
Wer auch immer dieses Werk geschaffen hat, man nimmt an ein Mönch aus einem Zittauer Kloster, er hatte eine große Herausforderung zu bewältigen, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Nach der Malerei zu schliessen, wurden die Stoffbahnen vor dem Bemalen zusammengenäht, d.h. das große Stück Stoff musste gespannt werden.
Ich weiss nicht, ob man weiss, wie das bewerkstelligt wurde. Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich während meiner Zeit im nordspanischen Aguilar de Campoo davon geträumt habe, einen großen Bildteppich direkt in einer romanischen Kirche auf einem Gerüst zu weben, nicht auf einem Webstuhl, auf dem der größte Teil des Teppichs immer aufgerollt und somit außer Sicht ist. Ich dachte, ich könnte die vollständige Kette sichtbar lassen und auf einem Baugerüst weben, dass während der Webarbeit in die Höhe wandert, bis es an der Decke angekommen ist.
Wenn dieser Mönch oder wer auch immer so ähnlich tickte, dann hat er sich vielleicht einen Raum mit den entsprechenden Maßen gesucht und den Stoff direkt über das Gebälk gespannt. Dickere Holzteile hätte er kaum finden können. Also, ich hätte es jedenfalls so gemacht und hätte während der gesamten Zeit die Bilderbibel vor Augen gehabt. Das kleine demütige Künstlerego, das in ihm geschlummert haben mag, muss, wenn auch nur sekundenlang, eine unglaubliche Lust überkommen haben. Hoffentlich hatte er einen guten Beichtvater. Die „Strafe“, wenn es denn eine war, ist die wohl jahrelange Mühsal gewesen, bis zur Ferstigstellung. Und die Demut hat ihn sicherlich spätestens dann wieder eingeholt, als er sein Werkzeug zusammengepackt hat.
In der Zeit, in der dieses Fastentuch in der Technik der Tüchleinmalerei entstand, also um die 147oer, wurden im deutschsprachigen Raum ebenso prachtvolle Bildteppiche hergestellt, z. B die Adelphus-Teppiche aus dem Elsass. Auch hier wird in 4 mal 5 Bildern die Geschichte vom Leben Jesu erzählt. Auch wen die Techniken verschieden sind, ist die Idee dahinter die gleiche.
Und wenn ich jetzt an meine eigene Arbeit denke, dann tu auch ich nichts anderes als meine Reise durch den europäischen Kontinent in einer Bildergeschichte festzuhalten. Die Rautenform, die ich aus webtechnischen Gründen gewählt habe, ist dabei nicht allzu weit weg von den Bildfeldern im Fastentuch, was die Funktion betrifft.
Ich bin sehr gespannt, wie es mir ergehen wird, mit der Spannung, den Herausforderungen, dem Erzählen und der Demut.
Solche Gelegenheiten muss man einfach ausnutzen. Der von einer Türmerwohnung und einem Umgang gekrönte, 266 Stufen hohe Aussichtsturm der Johanniskirche bietet nicht nur einen wunderbaren Blick auf Zittau und Umgebung, sondern auch auf das Geschehen auf dem Marktplatz zu seinen Füßen.
Übrigens hatte Zittau bis vor ein paar Jahren tatsächlich noch einen Türmer. Ich habe leider nur noch davon erzählt bekommen und durfte es leider nicht mehr erleben. Schade!!! Daher habe ich natürlich im Internet gesucht und bin fündig geworden:
Der LINK zu einem Artikel im „deutschlandfunk“ von 2015.
Zwölf Mal Deutschland.
Der Türmer von Zittau
Es gibt noch Türmer in Deutschland. Felix Weickelt ist mit 25 Jahren der Jüngste. Er lebt auf 60 Metern Höhe im Turm der Johanniskirche von Zittau und schaut nach Polen und Tschechien. Die alte Türmerwohnung hat er renoviert, und er tut dreimal am Tag etwas, das die ganze Stadt mitbekommt. Bei Wind und Wetter.
Ich muss selbst immer mal wieder Fotos machen und vergleichen. Aber ja, es geht voran. Gestern Abend, zum Beispiel, da war ich fleissig. Ali hat mir einen leckeren süßen Tee gebracht und während er und Ella sich zum Shisharauchen auf die nahe Bank gesetzt haben und der Kreis um sie immer größer wurde, habe ich _ getragen von dem Lachen und angeregten Gemurmel der Stimmen _ ein gutes Stück „sondern“ geschafft.
Heute in den frühen, noch kühlen Morgenstunden, während die Stände des samstäglichen Frischemarktes aufgebaut wurden, ist das „werden“ so gut wie fertig geworden.
Es fehlt nur noch das „Nicht“. Ob ich das bis Dienstag schaffe, wenn es wieder Richtung Berlin gehen soll, das bezweifel ich sehr. Morgen gebe ich eine spontane Webstunde am KUKUmobil weil eine junge Frau mich heute angesprochen hat. Montag wollte ich noch ein wenig an der Neisse entlang in Richtung Görlitz wandern. Dienstag steht das Kleine Fastentuch auf dem Programm und das Verstauen.
Also, außer Ali bringt mir fleißig Tee und uns umhüllt diese wunderbare Stimmung von „Tausend und Einer Nacht“, bei der die Fäden die Geschichte erzählen, sieht es eher nicht so aus als ob Zittau der Ort wäre, an dem die Vollendung des Leitsatzes stattfinden wird. Aber man weiß nie, was das Leben bringt. Vielleicht ein kleines Wunder?
Übrigens, gestern habe ich mich mit Ali unter anderem über Ernährung unterhalten. Nachdem er mir ein Brot mit Käse und Oliven vorbeigebracht hatte, fragte er nach. Vielleicht aus dieser beruflichen Fürsorge heraus. Er ist Hals-Nasen-Ohren-Arzt, hat aber darüber hinaus in seinem Heimatland Syrien auch als Hausarzt praktiziert.
Das ist jetzt keine lange Geschichte aus „Tausend und Einer Nacht“ sondern nur ein Sprichwort, aber trotzdem schön:
„Sohn, bis du vierzig Jahre alt bis, kannst du ruhig das Fleisch und das Fett von Lamm und Hammel essen. Sobald du aber die vierzig überschreitest, rate ich dir, das zu essen was der Hammel frisst.“
Wie immer an einem neuen Standort mach ich erst einmal die obligatorische Runde um das KUKUmobil, um abzuschätzen, wie es sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln einfügt in den neuen Kontext und wie es auf die Menschen wirken mag, die es als neues Objekt in ihrer wohlbekannten Alltagslandschaft wahrnehmen werden.
Bisher bin ich sehr zufrieden und habe den Eindruck, dass das KUKUmobil die Gabe hat, sich überall gut einzufügen. Es ist präsent, ohne aufdringlich zu sein, es ist in seiner Schlichtheit ein verträgliches „Versatzstück“ für viele unterschiedliche Kulissen, ist leise aber nicht stumm, zurückhaltend, aber nicht schüchtern. Ich mag das.
Erster Gang: Zum Rathaus, gleich nebenan. Kulturreferat und Marktleitung sind zwei wichtige Anlaufstellen für die Zeit, die ich in Zittau verbringen werde. Mein Dank an alle Beteiligten für die so spontan und unkompliziert entstandene Möglichkeit, mitten im Herzen von Zittau zu stehen.
Auf meinem ersten Rundgang bin ich wieder einmal auf eine meiner vielen Wissens-Lücken hingewiesen worden. Verteilt über die Stadt stehen Infotafeln zu der „Friedlichen Revolution“, der Zeit kurz vor und kurz nach dem Fall der Mauer.
Ich habe nicht alle Tafeln fotografiert, das würde den Rahmen sprengen und lesen tut sie hier in dieser Auflösung eh keiner. Aber ich habe mal im Internet gesucht. Auf der Seite der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung habe ich folgenden Text und Video gefunden:
Orte der Friedlichen Revolution 1989 in Sachsen
Die Friedliche Revolution in Sachsen 1989/90 hat das Leben der Menschen grundlegend verändert. Durch Demonstrationen großer Teile der Bevölkerung entstanden neue politische Kräfte, wie die Gruppe der 20 in Dresden. Ab Oktober 1989 verlor die SED-Staatspartei der DDR an Einfluss und Macht. Der Film erzählt von diesem Geschehen in ausgewählten sächsischen Orten und Regionen: Dresden, Plauen, Leipzig und Delitzsch sowie Großhennersdorf und Zittau in der Oberlausitz, Bad Schlema und Aue im Erzgebirge.
Nicht das ursprüngliche Ziel, aber doch das Ergebnis der Friedlichen Revolution in der DDR war die deutsche Wiedervereinigung.
Ein Film von Thomas Eichberg, herausgegeben von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Dresden 2016
Um so erstaunlicher ist für mich der Ausklang des Tages gewesen, mit der Montagsdemonstration auf dem Marktplatz. Es war meine erste Montagsdemo. Es ist ja nicht so, als wenn es die in Berlin nicht geben würde, aber da kann man ihnen leichter aus dem Weg gehen, die Peinlichkeit, die einen befallen könnte hält sich durch die Mengenverhältnisse derer, die dort sind und derer die sich eben nicht daran beteiligen, in erträglichen Grenzen; und die Wahrscheinlichkeit, dass man mit jemandem, von dem man weiß, dass er oder sie montags demonstriert am Dienstag den Arbeitsplatz teilt, ist sehr gering. Das macht die ganze Angelegenheit noch um einiges komplexer.
Schon vor meiner Ankunft in Zittau war ich auf diese Veranstaltung hingewiesen worden, teils entschuldigend, teils erklärend… Ich habe versucht, mir ein Bild zu machen von dem, was die Menschen zusammenbringt, was die kleinste _ oder größte_ gemeinsame Schnittmenge ist. Nach meiner Erfahrung bei der Julian-Assange-Geburtstagsfeier in Berlin, bei der in den Redebeiträgen auch Themen unterschiedlichster Art angesprochen und offensichtlich mit einer großen Selbstverständlichkeit von einer breiten Zustimmung ausgegangen wurde, bin ich sehr sensibel für das Thema „Schnittmengen“.
Ich habe nun wirklich keine Art von Berührungsangst und denke, es ist wichtig immer im Gespräch zu bleiben, aber angesichts des Sammelsuriums an Erkennungszeichen …. von der Friedenstaube, über die Schwerter, die zu Pflugscharen werden bis hin zur Wirmer-Flagge … (1999 wurde die Flagge von Reinhold Oberlercher, dem Vordenker des neonazistischenDeutschen Kollegs, in seinem Überarbeiteten Verfassungsentwurf vom 9. November 1999 zur Flagge des vom Deutschen Kolleg angestrebten Vierten Reichs erklärt und war fortan die Flagge des Deutschen Kollegs. Zum deutschen Kolleg gehört auch Horst Mahler, der am 14. Dezember 2003 die Verkündigung der Reichsbürgerbewegung veröffentlichte. Dadurch wurde die Fahne im damals medial und gesellschaftlich wenig beachteten Reichsbürgermilieu populär und somit verstärkt von rechtsextremen und -populistischen Gruppierungen verwendet, was auf Kritik von verschiedenen Seiten stieß. Wegen ihrer hohen Präsenz auf den Dresdner Pegida-Demonstrationen wurde die Flagge in einigen Medienberichten auch als „Pegida-Fahne“ bezeichnet.) …. und der Rednerbeiträge, die ebenfalls und auf sehr simple und absurde Art ein buntes Potpourri an Themen bedienten, ist es mir nicht gelungen, nachzuvollziehen, worum es diesen Menschen tatsächlich geht und was sie als Gruppe zusammenhält.
Ein ganz seltsames Gefühl überkam mich, als ein kleiner „Posaunenchor“ das Lied „Die Gedanken sind frei“ anstimmte und die Versammelten es aufgriffen und sangen. Schon richtig, es ist ein Volkslied und gehört somit niemandem und allen, aber mir ist es bis zu diesem Montag immer in sehr anderen Kontexten begegnet. Es hier zu hören ist mir, das gebe ich zu, sehr aufgestoßen und ich habe mich für einen Moment beraubt gefühlt, so wie ich mich beraubt gefühlt habe, als der Begriff „Querdenkerei“, den ich immer als gesund in einen Verständnis von Abweichung vom „Mainstream“ eingeordnet hatte, diese negative Wertung bekam.
Komplizierte Zeiten, wenn man genau hinsehen und nicht verallgemeinern möchte. Aber Prinzipien sind nun einmal dafür da, dass man in solch verworrenen Momenten weiss, wo man steht. Und wenn man mit der Friedentaube neben einer Wirmer-Flagge steht, dann finde ich das einfach sehr schwer nachzuvollziehen und ich bekomme diese zwei Momente, den vergangenen und den jetzigen, nur schwer zusammen.
Ich werd weiter schauen und hören und fragen und versuchen, davon zu berichten. Dass dieser etwas zwiespältige Beitrag am Beginn meiner Zittau-Chronik steht ist auch allein der Tatsache geschuldet, dass ich versuche, der chronologischen Reihenfolge der Ereignisse gerecht zu werden. Es ist eine Minderheit, die sich da montags versammelt, und die ist hat sehr laut, aber ich denke nicht, dass sie die Meinung der Mehrheit der Zittauer darstellt. Aber da ist sie, nicht nur hier in Zittau, sondern auch an anderen Orten. Und so gerne ich das vielleicht auch tun würde, man kann sie nicht einfach so wegwischen. Aber ich bin mir auch nicht sicher, ob meine Dialogbereitschaft auf Gegenseitigkeit beruht.
Verbindende Elemente _ Was hier die Kupplung ist dort das Kabel
Es wird Zeit, dass ich in die Pötte komme. Die Fotoarchive stapeln sich in der „zu sichten“-Abteilung.Dass sie nach Tagen und Themen sortiert sind, macht es nicht wirklich besser. Viele Fäden laufen zusammen und drohen sich zu vertüddeln. Dann wäre alles zu spät. Das weiß ich. Das hat man nun davon, wenn man so viele Ding tut, so viel erlebt, so viele Fotos macht.
Hier also der erste Versuch, einiges, was in den vergangenen Tagen geschehen ist aufzuarbeiten. Wahrscheinlich werden sich dabei Nachträge zu speziellen Themen, wie Buchempfehlungen, Rosshaarweberei, Kurs und Webschul-Projekt, die meiner Meinung nach einen gesonderten Beitrag haben sollen, abwechseln mit den Eindrücken, die ich an dem neuen Standort Zittau sammel.
Die Reise war diesmal nicht lang und ist reibungslos verlaufen. Immer wieder aufs Neue ein großer DANK an diejenigen, die einen ganz besonderen teil des Projektes übernehmen: den Transport. ich weiss inzwischen, dass das KUKUmobil vielen imponiert und auch, dass es nicht immer einfach aber möglich sein wird, Menschen zu finden, die Erfahrung haben und ein ebenso großes Auto wie Herz für Kunst und Kultur.
Vielleicht gerade weil das derjenige Aspekt des Projektes ist, der mir am wenigsten vertraut ist, beeindruckt es mich, dass andere Menschen mit solcher Sicherheit und Gelassenheit daran wagen.
Übrigens wird es auch zu Zittau gesonderte Beiträge geben, zum Fastentuch, dass ich mir gleich am ersten Tag angeschaut habe, und das mich sehr beeindruckt hat, aber auch zu den Montagsversammlungen, die auf dem Marktplatz stattfinden und deren Zeuge ich zwangsläufig gleich am ersten Tag war.
Erkenntnis des Tages: Auf dem Dorf schaut man einander an und grüßt sich. IMMER. Egal ob man sich kennt, oder nicht. In der Kreisstadt schaut man einander an… und nach… aber man grüßt sich nur, wenn man sich kennt. In einer Großstadt wie Berlin schaut man eher bewußt weg und grüßen… naja…..
Es war ein anstrengender Tag gestern. Ich hatte zwar alle Kisten schon am Sonntagabend direkt nach dem Kurs in das KUKUmobil gebracht, aber es galt noch, sie richtig zu stapeln, alles zu verzurren und mich innerlich auf die Reise vorzubereiten, obwohl ich eigentlich noch damit beschäftigt war/bin, mich energetisch und emotional aus dem Kurs herauszuarbeiten.
Ich liebe es, Kurse zu geben, die Gelegenheit zu bekommen, Menschen ein neues Werkzeug in ihren Werkzeugkasten zu legen, um das Leben zu bewältigen, die Welt und sich selbst besser kennenzulernen und zu verstehen. Ich versuche, die Leidenschaft und ihren Grund dafür zu vermitteln und freu mich jedesmal, wenn ich das Gefühl habe es geschafft zu haben, dass die Menschen, die an dem Kurs teilgenommen haben, sich etwas mitnehmen für Kopf und Herz und Hand.
Gerade überschlagen sich die Ereignisse und ich komme mit dem posten nicht hinterher. Ich möchte mir Zeit nehmen für jeden der Momente, den Kurs, das Projekt der Oberlausitzer Webschule, das ich total spannend finde, den Abschied von Großschönau, wo ich mich sehr wohl und umsorgt gefühlt habe, den Transport, der dank der Großzügigkeit von Roland und Steffi Friebolin so unkompliziert bewerkstelligt werden konnte, meine ersten Eindrücke von Zittau, die ersten Gespräche ……
Die kommenden Blogeinträge werden also leicht zeitversetzt erscheinen. Ich werde mir Mühe geben nicht zu viel „auflaufen“ zu lassen. Je höher der Berg um so größer die Überwindung…. ihr kennt das bestimmt.
Die Erkenntnis des Tages: Egal wie ich packe, und ich bekomme langsam Übung, es bleibt immer eine Tüte mit Gegenständen, die nicht den richtigen Ort gefunden haben. Immer sind es andere, aber immer ist es eine Tüte. 🙂 Die Blaue halt.
Kaum auf dem Marktplatz in Zittau angekommen, Gurte zusammengelegt und das KUKUmobil ausgerichtet, kamen schon die ersten neugierigen Passanten und verwickelten mich in ein Gespräch. Einer von ihnen, Raimund Linke, ist Fotograf und hat gleich ein paar erste Eindrücke eingefangen. DANKE!!!
Nach den vielen Regentagen die hinter uns liegen war es _ ganz banal_ an der Zeit, die Fenster des KUKUmobils zu putzen. Das gehört einfach mit dazu, wenn man mit solch einem großen Schaufenster unterwegs ist, durch das die Menschen ja gerne gucken und etwas erkennen sollen.
Glücklicherweise gehört Fensterputzen zu den Aufgaben im Haushalt, die ich zwar nicht oft, aber auch nicht ungern tue. Vor allem wenn die Fenster so richtig dreckig sind, ist das Erfolgsergebnis durchaus bemerkenswert.
Es wird auf der Reise immer mal wieder notwendig sein. Auch wenn die Werkstatt „tiny“ ist, sauber gehalten muss sie werden. Das Gute ist, dass das Putzen an sich bei knappen 10 Quadratmetern einfach und schnell zu bewerkstelligen ist. Ein Lappen reicht, alles ist auf Armeslänge und im Nu getan.
Das Ergebnis: Blitzeblanke Fenster, so blitzblank, das man nicht nur durchschauen kann, sondern sich auch alles Mögliche und Unmögliche darin spiegelt.
Waschtag schließt auch andere Dinge mit ein….. Ihr kennt das sicherlich vom Reisen: wenn man mal ein oder zwei Tage irgendwo seine Zelte aufschlägt, egal ob wortwörtlich oder im übertragenen Sinne, dann ist das DIE Gelegenheit, um ein paar Klamotten durchzuwaschen, weil sie dann eine Chance haben, zu trocknen. Es gibt nichts unglücklicheres, als Wäsche feucht zusammenpacken zu müssen.
Und ich hab eine Einladung zum Duschen bekommen. DANKE, Simone und Andreas, für eure Großzügigkeit und Gastfreundschaft. Ich kommt mit sehr wenig aus und Katzenwäsche ist total in Ordnung, aber so ab und an eine Dusche, das ist schon eine Wohltat.
Eineinhalb Wochen ist es jetzt her, dass das KUKUmobil nach Großschönau gekommen ist. Eineinhalb Wochen voller neuer Erfahrungen, voller Begegnungen und … voller guter Gaben, für die ich sehr dankbar bin.
Von den Strümpfen, die mir die Stricklieseln geschenkt haben, habe ich ja schon berichtet.
Sie treffen sich übrigens jeden Montag, nachmittags von 17 Uhr bis ca. 18:30 Uhr, beim Bäcker Schulz. Zumindest während die Oberlausitzer Webschule noch eine Baustelle ist. Dann sollen die Treffen wohl dort stattfinden.
Bäcker Schulz macht übrigens dienstags Rucola-Brot. Das weiß ich, weil ich vergangene Woche nach dem Strickliesel-Treff noch etwas dort geblieben bin und Nachbarn kamen, die die Hauptzutat frisch aus ihrem Garten in die Bäckerei brachten, damit sie am kommenden Morgen verarbeitet werden kann. Ich hab natürlich sofort eins reserviert.
Noch bevor ich mich aber am darauffolgenden morgen auf den Weg machen konnte, um es abzuholen, kam tatsächlich Besuch zum KUKUmobil mit dem Brot unter dem Arm. Und nicht nur dass: Auch Gurken und Rucola habe ich geschenkt bekommen.
Und zum Pferdefleichsauerbratenessen wurde ich auch eingeladen, mit Rotkraut und Klößen. Richtig lecker.
Und es gibt Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, fleißig für das KUKUmobil zu werben. Das ist soooo wichtig. Es gibt nichts Besseres als eine freundschaftliche Empfehlung. Das ist GOLD wert.
Die Fotos von Simone habe ich schon gezeigt. Aber sie ist nicht die Einzige, die auf Instagram, wo ich selbst ja gar nicht unterwegs bin, vom KUKUmobil berichtet. Auch Carola stellt dort kleine „Stories“ ein.
Ich fühl mich reich beschenkt, durch all die Energie, die auf materiellem oder immateriellem Wege, direkt oder indirekt zum Projekt findet und es voranbringt.
An der Webschule. Eine wunderbar sternenklare Nacht. Wenn ich in den Himmel schau, blicke ich direkt auf den „Großen Wagen“ .:)
Die erste Woche ist vorbei und das bedeutet, dass das KUKUmobil die schützenden Mauern des Deutschen Damast- und Frottiermuseums gegen die leicht angewilderte Parkfläche an der Webschule tauscht.
Das hat einen guten Grund, denn am Wochenende findet in der Oberlausitzer Webschule ein Bildwirkerei-Kurs statt. Bei gutem Wetter vielleicht sogar auf dem Parkplatz vor dem KUKUmobil.
Großschönau kann auch gutes Wetter, das hat es heute bewiesen. Von daher ist dieser Gedanke nicht abwegig. Wir werden sehen. Freitag beginnen wir.
Aber erst einmal zum Umsetzen. Immer wieder und immer noch ist es erzählenswert, wenn das KUKUmobil an einen neuen Standort kommt.
Kurz vor 10 Uhr hatten wir angesetzt für die Aktion. Glücklicherweise, denn zwei Stunden vorher saß ich noch im KUKUmobil, alles verpackt und verzurrt, sah zu, wie der Regen fiel und dachte bei mir: das muss jetzt nicht sein, dass alle die kommen, um das KUKUmobil wieder aus dem Hof auf die Straße zu bringen dabei auch noch pitschnass werden.
Kurz vor der verabredeten Zeit hörte es dann tatsächlich auf, und der Hof füllte sich mit satten dunkelblau und quietschendem gelb: die Mitarbeiter vom Bauhof Großschönau waren gekommen um Hand anzulegen.
Mit vereinten Kräften haben sie das KUKUmobil tatsächlich aus dem Hof geschoben. Wahnsinn. Tausend Dank!!!
Und als die Fädelarbeit getan war, kam Roland und hat das KUKUmobil an seinen neuen Standort gezogen.
Jetzt ist es bereit für die zweite Hälfte seiner Zeit in Großschönau und mir steht es zu, DANKE zu sagen, an alle helfenden Hände. DANKE an das Museumsteam und die Mitglieder des Fördervereins für die gemeinsame Zeit im Museumshof und DANKE, Steffi, fürs Organisieren und Roland fürs Durchführen.
Hat die Lausche einen Hut,
wird’s Wetter gut.
Hat die Lausche eine Mütze,
gibt’s ’ne Pfütze.
Gestern war Montag. Montags hat das Deutsche Damast- und Frottiermuseum geschlossen. Das bedeutet, dass ich, solange ich hier im Hof stehe, montags meinen freien Tag habe, weil es keine Besucher:innen gibt, die ich in die Zauberwelt der Fäden entführen kann.
Also gilt es, Alternativen zu entwickeln. Angesichts des durchwachsenen Wetters sah meine so aus: 1 _ Die Ruhe im Museumshof zu nutzen und etwas, das dem Ausschlafen nahe kommt zu praktizieren: 2_ den nächstgelegenen Supermarkt aufzusuchen, um den Kühlschrank mit dem Notwendigsten zu füllen; 3 _ irgendwie das Wetter einzuschätzen und die Wanderkarte zu studieren, um herauszubekommen, welche Route denn unter den gegebenen Umständen die sinnvollste ist.
Eine Wanderung zur Lausche hatte ich schon verworfen, aber die Richtung sollte die gleiche bleiben. Ich wollte mir die Umgebindehäuser in Waltersdorf gerne anschauen und, sollte das Wetter es erlauben, weiter nach Jonsdorf wandern, um das Schmetterlingshaus zu besuchen.
Heiko, vom Museum, hatte mir eine Wanderkarte besorgt und so ging es los, an der Lausur entlang, erst Richtung Neuschönau und dann Richtung Süden, auch wenn sich das vom KUKUmobil aus wie Norden anfühlt.
Aus Großschönau heraus führt der Weg dabei am Schaufenstermuseum im Gemeindeamt vorbei, dann an einem der erhaltenen Trockentürme und der großen Hangwiese, die früher zum Bleichen der Stoffe genutzt wurde und heute dem Dorf als Festplatz dient. Dahinter liegt die ehemalige und zukünftige Webschule, die in den kommenden Tagen der neue Standort für das KUKUmobil sein wird. Und dann kommt der Wald……
Da mag man jammern, wenn der Regenguss gerade über einem selbst niedergeht, und die Regenjacke sich als doch nicht so dicht erweist, wie sie vom Hersteller gepriesen wird, aber sobald man in die Natur kommt und dieses satte Grün einen umfängt, man über den weichen, federnden Moosteppich geht und das dabei hörbare „Schoff, schoff“ Zeugnis davon ablegt, wie vollgesaugt er ist, dann findet man seinen Frieden, auch mit diesem Wetter.
Natürlich spürte ich da den Impuls, auf diesem wunderbaren Teppich ein Pop-Up-Labyrinth zu bauen. Mit Zapfen. Ich hatte sogar angefangen, bin aber nicht weit gekommen. Nicht aus Mangel an Zapfen. Davon gab es genug. Aber jedes mal, wenn ich einen von ihnen hochnahm, kam ich mir vor, als wenn ich ein Hochhaus von A noch B bewegen oder eine echte Zwangsumsiedlung betreiben würde. Unzählige kleine und noch kleinere Lebewesen haben dort ihr Heim. Ich kam mir gemein vor. Also habe ich schnell die schon bewegten Zapfen wieder an die ursprüngliche Stelle gelegt und mich entschuldigt. Ich wäre ja auch nicht glücklich, wenn eine stürmische oder flutende Hand mein KUKUmobil von A nach B versetzen würde….
Zwischen zwei Regenschauern bin ich durch Waltersdorf gewandert, bis ich an der Kirche ankam und in der Touristeninfo nach einer etwas größeren Wanderkarte fragen konnte. Damit ausgestattet machte ich mich auf den Weg nach Jonsdorf.
Irgendwie habe ich es geschafft, immer wenn es richtig nass wurde, einen Hochsitz parat zu haben, der mir für die kurze Dauer des Schauers Schutz bot. Es war nicht wirklich kalt, also war es okay, solange die Füße trocken blieben.
Erinnerungen kamen in mir hoch, wie ich in meiner Kindheit in ebenso feuchten und kühlen Sommern mit meiner Mutter irgendwo im deutschen Süden den Urlaub mit langen Spaziergängen verbracht habe. Schweigend sind wir stundenlang durch die Natur gewandert. Es war nie wirklich langweilig, aber auch nie wirklich spannend. Die Kunst bestand für mich darin, in dieser allgemeinen Unaufgeregtheit das Besondere in den kleinen und unscheinbaren Dingen am Wegesrand zu entdecken.
Meine Mutter hatte ein sehr pragmatisches Verhältnis zur Natur und ein nüchternes Verhältnis zum Wandern. Aber was ihr nie entgangen ist, war all das, was Natur dem Menschen an Nützlichem zu bieten hat.
Wir hatten damals auch keine besondere Ausrüstung, Wegzehrung oder Wanderkarten. Trotzdem haben wir es immer irgendwie geschafft, gut an das Ende unseres Weges zu kommen. Zumindest habe ich keine gegenteilige Erinnerung und wenn ich alleine unterwegs bin, neige ich eher zum einfach Loslaufen mit sehr bescheidenem Beiwerk, wenn überhaupt, in dem Vertrauen darauf, dass es schon irgendwie gut gehen wird.
Wie ihr seht, die Natur meinte es gut mit mir. Und auch die Wege waren so gut ausgeschildert, dass ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hatte, nicht zu wissen, wo es langgeht.
Mein erklärtes Ziel war bei dieser Wanderung das Schmetterlingshaus in Jonsdorf. Ich liebe Schmetterlinge. Jemand sagte mir vor einigen Tagen noch am KUKUmobil, ich solle auf alle Fälle Schmetterlinge mit in den Teppich weben, denn Schmetterlingen seine das Symbol für die Seele.
Und tatsächlich finden sich Darstellungen des Schmetterlings schon im alten Ägypten. In altgriechischer Zeit war der Nachtfalter das Symbol für die Seele, welche im Schlaf (Traum), in Trance oder nach dem Tode eines Menschen sich vom Körper trennt und geistige Sphären erreicht. In dieser Funktion kommt der Falter dem Urbild des Seelenvogels recht nahe, oder mag im gleichen. Es ist die Vorstellung, dass die vom Körper getrennte Seele in dieser geflügelten Form den Leib des Menschen verlässt. Der Windhauch oder Nachtfalter ist der Wortsinn des altgriechischen Wortes Psyche, welches unserer Seele entspricht.
Also kann es durchaus sein, dass es an der ein oder anderen Stelle in dem entstehenden Teppich etwas geben wird, das an Schmetterlinge erinnert.
Jedenfalls habe ich mein Ziel erreicht und mich in das Gewimmel gestürzt. Denn an solch einem regnerischen Tag ist ein Schmetteringshaus für alle Familien, die in der Gegend Urlaub machen ein wunderbares Ziel. Nach der Ruhe im Wald hat mich das Gewusel erst irritiert, aber dann habe ich es genossen, die Kinder dabei zu beobachten, wie sie die Schmetterlinge „jagen“.
Neben der großen Flughalle gibt es in dem Schmetterlingshaus auch eine beachtliche Anzahl an sehr schönen Terrarien. Also alles in allem ein empfehlenswerter Besuch, wenn man Schmetterlinge, Echsen und spinnen mag.
Auf dem letzten Viertel des langen Weges bin ich dann doch noch pitschnass geworden. Aber die warme Backstube wartete auf mich und das Treffen mit den Stricklieseln. Und es war ja nicht wirklich nicht kalt. Also alles gut. Ein langer Tag, ein runder Tag. Ich habe ihn genossen.