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Zittau, die Reiche _ Zittau, die…..

 

Ja, Zittau. Mein erstes Mal hier in der Gegend. Ich bin angetan von dieser Stadt und von ihrer Umgebung.

Je weiter ich in den Osten ziehe und ihn erkunde, um so interessanter finde ich es bei  mir zu beobachten, wie sich mein Gefühl von Peripherie zusehends verlagert, das im Fall von Zittau ja eigentlich nur dann entsteht, wenn die Gedanken am deutschen Tellerrand kleben bleiben. Manchmal läßt sich das nicht vermeiden. Wenn es um verwaltungs-technische oder bundespolitische Fragen geht, dann hängt man von einer Regierung und einem Verwaltungsapparat ab, der eingebettet ist in die Nationalgrenzen.

 

Wenn man aber den Alltag der Menschen hier betrachtet, dann leben sie im Zentrum, und zwar im Zentrum des Dreiländerecks und über den nationalen Tellerrand hinweg schauen sie auf Polen und die Tschechische Republik, haben Prag und Breslau so weit weg, wie Dresden; und Berlin so weit weg wie Nürnberg, Linz, Wien, Posen oder Brünn. Zumindest Luftlinie auf der Landkarte. Für die Menschen hier ist das ganz normal, mich erfüllt das immer noch mit Erstaunen. Die Deutschlandkarte meiner Schulzeit hatte zwar im Osten keinen weißen Fleck, aber man hat halt aus dem Ruhrgebiet, in dem ich groß geworden bin, eher in Richtung Westen geschaut, nach Frankreich,  Belgien, Luxemburg, den Niederlanden… und war damit erst einmal eine Weile beschäftigt. Selbst Berlin war gefühlt ganz weit weg.

Und mir fehlen die Nachwendejahre, die ich im Ausland gelebt habe, um diese Lücke zu füllen, um nach und nach den Teil Deutschlands zu erkunden, den ich in meiner Jugend nicht kennenlernen konnte. Also ist alles Neuland für mich und das Gefühl der Verschiebung des geographischen Mittelpunktes, von dem aus man sich die Welt erschließt, eben auch. Und es tut mir gut, durch die vielen positiven Begegnungen mit den Menschen auf meinen Fahrten mit dem KUKUmobil meine emotionale Deutschlandkarte entsprechend zu ergänzen.

Und dass es mich Richtung Osten zieht, hat natürlich auch mit meiner eigenen Biografie zu tun. Meine Mutter stammte aus einem kleinen Dorf in der Umgebung von Kalisz, heute Polen; mein Vater stammte aus dem tschechischen Teil Schlesiens, ich wußte nie genau woher. Beide mußten als Kinder fliehen. Beide haben mir nie viel, eigentlich fast gar nichts erzählt aus dieser Zeit. Beide sind nicht mehr. Die Fäden, die mich mit der Vergangenheit verbinden könnten, sind abgerissen. Aber irgendetwas scheint mich immer wieder gen Osten zu ziehen. Gerade jetzt, wo alles erreichbar ist. Ich habe keine konkreten Orte, die ich besuchen könnte, so wie Grabsteine an denen man der Toten gedenken kann. Aber es gibt ein Gefühl, das mitschwingt. Und eine Wunde, die heilt.

Aber zurück zu Zittau, der Stadt die sich so spontan bereit erklärt hat, dem KUKUmobil für eine Woche Wahlheimat zu sein.

Wie in anderen Städten, die ich inzwischen in Ostdeutschland besucht habe, fällt mir die Durchmischung von sanierter und ruinöser Bausubstanz ins Auge. Dahinter gibt es sicherlich Erklärungen die von wagemutigen oder spekulativen Ankäufen nach der Wende, von Erbgemeinschaften, die sich nicht einigen können, bis hin zu gut gemeinen aber trotzdem überschätzten Fehlkäufen und fehlender Kapazität zur Sanierung großer Gebäude reichen…. Auf mich wirkt das wie eine Lotterie: Manche Gebäude haben das große Los gezogen und dürfen wieder im vollen Glanz ihrer architektonischen Schönheit erstrahlen, manche fristen im heruntergekommenen Bettelkleid ihr Dasein und wissen nicht wohin mit sich und der eigenen Scham von „was ist bloß aus mir geworden“. Lohnt es sich, auszuhalten, weil irgendwann doch noch der Wachküß-Prinz kommt?

Absichtlich genau so durchmischt lass ich jetzt auch mal einige Schnappschüsse aufeinander purzeln, die ich bei meinen Stadterkundungen eingefangen habe. Dann wisst ihr, was ich meine.

 

Definitiv gibt es noch Luft nach oben. Zuzüge sind erwünscht, denke ich. Raum ist verfügbar. Nicht nur für abenteuerlustige Kapitalanlagen, die eins dieser ehemals wundervollen Gebäude wiederbeleben wollen und könnten. Auch Wohnraum ist noch zu sinnvollen Preisen zu haben, ohne jetzt einen Gentrifizierungssturm über Zittau heraufbeschwören zu wollen. Und der derzeit etwas über 25.000 Einwohner zählenden Stadt würde es guttun. Die Bevölkerungsprognose der Bertelsmannstiftung von 2017 sah eine deutliche Schrumpfung der Bevölkerung um 18% bis 2030 vor.  (wikipedia). Das mag sich geändert haben.

Ich weiss nicht, ob die jungen Leute, die Zittau verlassen, um andernorts ihren Beruf zu erlernen, oder erst einmal zu finden _was ja auch gut und wichtig ist _ ausreichende Anreize und Möglichkeiten haben, um wieder zurückzukommen _ denn auch das ist wichtig.

Ich finde die Überschaubarkeit einer Stadt in der Größenordnung von Zittau angenehm. Man beginnt relativ schnell, Menschen auf bestimmten Wegen wiederzuerkennen. Die Morgenspaziergänger am See, zum Beispiel,  grüßen sich nicht nur, wenn sie sich dort begegnen, sondern auch, wenn sie sich auf dem Marktplatz wieder über den Weg laufen. Das Kulturangebot ist vielseitig genug, dass es einen nicht übersättigt. Es gibt zwar kein Hungergefühl (das ist nie gut _ schon mal mit Hunger einkaufen gegangen?), aber einen leichten Appetit auf mehr. Das ist ein guter Nährboden für kulturelles Wachstum. Und da gibt es immer etwas zu tun, zum Beispiel, die Gesellschaft immer wieder in den lebendigen und respektvollen Dialog zu bringen.

Stimmen aus der Vergangenheit

Bei all dem Nachdenken über die Gegenwart und Zukunft kann ich es nicht vermeiden, dass mich die Stimmen der Vergangenheit mit einer Mischung aus Wehmut und Faszination erfüllen.

 

 

 

Zittau, die Reiche an Impulsen und Ideen, an Gedanken und Möglichkeiten. Danke für die Zeit, die das KUKUmobil dort sein und ich all diese Eindrücke sammeln durfte.

Es war mir ein Genuß.

 

 

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