berlin _ 1039 _ Fundstück

Von zweiten Chancen und kosmischer Energie

Einige Jahre habe ich gebraucht, bis ich das spanische Prinzip der „zweiten Chance“ in der Schule so richtig annehmen konnte: Vor dem Sommer werden dort die Noten verteilt, wie bei uns auch. Ein Damoklesschwert schwebt wochenlang über den Köpfen der jungen Menschen, in denen sie die Köpfe einziehen, bis sie mit dem halbjährlichen Bewertungszettel nach hause geschickt werden.

Ich erinnere mich an schlaflose Nächte, an Sorgen und ein Gefühl von Ohnmacht aus meiner Kindheit und Jugend. Versetzt, nicht versetzt. Versagen, Enttäuschungen, oder Freude. Ganze Biografien hingen an solch papierenen Schwertern.

Nun, in Spanien bekommen die Kinder und Jugendlichen auch ihre Noten vor dem Sommer. Aber dann haben sie Gelegenheit, den Sommer zu nutzen, um sich auf die zweite Chance vorzubereiten, die sie nach dem Sommer erwartet. Dann können sie sich noch einmal prüfen lassen und, mit Glück, Beharrlichkeit und Selbstvertrauen, die Versetzung doch noch zu schaffen. Im zweiten Anlauf eben.

 

Heute bin ich rausgegangen, immer noch etwas taumelnd, etwas benommen von dem großen Moment des Jahreswechsels, der energetisch selbst für diejenigen spürbar ist, die ihren eigenen Jahresübergang in der inneren Stille und Beschaulichkeit suchen und leben.

Das Schicksal hat mich auf einen Umweg zum Glaskontainer geführt, in dem ich all unsere leeren Sektflaschen versenken wollte. Ein kleiner Umweg, der mich an einer Geschenkkiste vorbeigeführt hat. Ich weiss, ich muss mich eigentlich daran gewöhnen, meinen Hang zum Sammeln  zu bändigen. Im KUKUmobil kann nicht so viel  mit.

Aber bei dieser Tasse konnte ich nicht widerstehen. Sie MUSSTE, sie wollte zu mir. Sie war schon einmal Objekt einer Kintsugi-Aktion gewesen, aber anscheinend hat sich die kosmische Energie verschoben. Jetzt ist sie bei mir. 

Mag sein, dass diese drei Frauen eine ganz andere Geschickte erzählen. Für mich sind sie die drei Schiksalsfrauen, die  drei Kräfte: Urd, Verdani und Skuld. Udr ist das, was aus Urzeiten zu uns wirkt. Verdandi symbolisiert Werden und Vergehen. Skuld ist das, was uns in der Zukunft erwartet.

Die Nornen bestimmen das Schicksal, das Leben, auch die Lebensdauer von Menschen und anderen Lebewesen und damit der ganzen Welt. Sie sind Geburtshelferinnen, sie helfen, das Alte zu überwinden und das Neue zu schaffen. Sie weben die Schicksalsfäden der Menschen und Götter. Sie haben große Ähnlichkeit mit den Parzen, den römischen Schicksalsgöttinnen, die den drei Moiren der griechischen Mythologie entsprechen.

Sie heute einzureihen in meine Sammlung von Fundstücken gilt mir als ermutigendes Zeichen für das eben begonnene neue Jahr. Gestern bin ich, aufgewühlt durch den Aufbau des Webstuhls im KUKUmobil, zwei Runden mit der leeren Berliner Ringbahn gefahren, mit einem Blick nach innen, und einem Blick nach außen, und den Zeilen von Rilkes Gedicht „Ich leben mein Leben“ im Herzen.

Auch hier, für die Langsamen, für die Zögerlichen, eine zweite Chance. Die Zeit zwischen dem Jahreswechsel der westlichen Welt und dem Jahreswechsel der chinesischen Kultur: das neue Jahr beginnt für die Chinesen am 22.Januar. 2023 ist das Jahr des Wasser-Hasen. „Mein“ Jahr. Im Sommer werde ich 60 Jahre alt, fünfmal hat sich das große Rad gedreht, fünf große Ringe sind vollbracht.

Dann beginnt ein neuer. Nie entsprachen diese Worte genauer meinem Lebensempfinden als in diesem Jahr, in dem auch die Reise mit dem KUKUmobil beginnen wird.

 

Ich lebe mein Leben

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke

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