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DAS BAUTAGEBUCH _ II

August 2022

21 Bautage liegen jetzt hinter uns. Das sind zusammengenommen drei Wochen. Mir kommt es wie eine kleine Ewigkeit vor. Nicht, weil es mir langweilig wird oder zu viel, eher weil sich inzwischen eine gewisse Routine etabliert hat:

Mit den Menschen, die jetzt Teil meines Alltags sind; mit dem Hof, unserem Bauplatz, und seinen Besonderheiten. Und das nicht nur zu den gewohnten Arbeitszeiten, denn Arbeit und Leben, oder Arbeit und Freizeit voneinander zu trennen, hat nie meinem Wesen entsprochen. Daher ist der Bauplatz eben auch nicht nur ein Bauplatz…..

 

 

Fäden in anderen Händen

Manchmal, während ich säge oder stemme oder schleife, gibt es jemanden, der am Webrahmen sitzt und mich meine textile Welt nicht vergessen lässt. Dann stecke ich die rauen und staubigen Hände in die Hosentasche, um nicht  in Versuchung zu geraten, und hab ein Auge auf das, was sich zwischen den Fäden gerade tut.

 

Der Himmel über Berlin

Manchmal sitzen wir auch nur da, genießen den Blick auf das kleine Stück Himmel, das – eingerahmt von den Dächern der flachen Gewerbehallen – zu sehen ist:  baden uns in der Energie, die sich im geschäftigen und konzentrierten Tun rundherum im Hof angesammelt hat, warten darauf, dass die Schatten lang genug werden,  um in ihrem Schutz mit der Arbeit zu beginnen, oder lassen den Tag ausklingen, zählen Fledermäuse, Mücḱenstiche und Sternschnuppen…..

Fotos: Gudrun Mattke

 

Leib und Seele

Manchmal, wenn ich darüber nachdenke, ziemlich oft sogar …. genau genommen fast immer, wenn ein intensiver Arbeitstag ansteht, und das ist nicht selten der Fall ….. gibt es kleine Momente, in denen wir uns darum kümmern, dass Leib und Seele weiterhin gut zusammenhalten:

DAS EIGENTLICHE

Soweit die „Paraphernalien“. Denn EIGENTLICH geht es hier ja ums BAUEN, ich wollte all das nur mal erwähnt haben, nicht, dass der Eindruck entsteht, wir würden es uns neben all der Arbeit nicht gut gehen lassen.

Was ist also geschehen, in diesen 10 Augusttagen, die seit dem ersten Bautagebucheintrag verstrichen sind? Ich fang mal bei mir an: Vieles von dem, was Gudrun mir erklärt, zum Beispiel wenn es um Maschinen geht, werde ich mir nicht merken können. Aber es ist hilfreich, Dinge kontextualisieren zu können und nachzuvollziehen, warum etwas so und nicht anders getan werden müsste oder sollte oder wird.

Mein Verstand und meine Muskulatur machen sich langsam vertraut mit den fremden Werkzeugen und den ungewohnten Bewegungsabläufen. Ich lerne, dem Material „zuzuhören“, zu verstehen, was es will, um zu wissen, was ich tun muss, um möglichst MIT ihm zu arbeiten und nicht GEGEN seinen Willen; und wenn doch, zu verstehen, wie ich es „überzeugen“ kann, um meinem Wunsch zu folgen.

Ich lerne, wie wichtig gute Kommunikation ist, nicht nur mit dem Material, auch untereinander. Zu wissen, wie man Maße richtig nimmt und sie so anzeichnet, dass man sich bei komplizierten Arbeiten nicht selbst verliert zwischen dem „was bleibt“ und dem „was weg kommt“; ob man auf der Linie sägt und wenn nicht, auf welcher Seite…..

Gut, wenn es dann immer noch mal eine „Qualitätsabnahme“ von der Bauleitung gibt, unter anderem, weil damit eventuelle Ungenauigkeiten, wenn sie sich trotz aller Bemühung doch ergeben haben, in die weitere Planung mit aufgenommen und kompensiert werden können.

Besonders  beeindruckend ist es für mich, zu erleben, wie viele Arbeitsgänge getan werden müsse, um ein Stück Material in ein Bauelement zu verwandeln; nicht nur bei uns und dem KUKUmobil, auch ganz allgemein in der Werkstatt, denn auch da bekomme ich mit der Zeit eine genauere Vorstellung davon, was es bedeutet, ein maßgeschneidertes Möbel zu bauen.

Es überrascht mich, dass es mich so sehr überrascht, denn letztendlich ist es genau das, was ich all denen immer erkläre, die bei mir etwas von der Bildwirkerei lernen wollen, d.h. letztendlich geht es um die Essenz eines jeden Handwerks, unabhängig vom Material, mit dem man je nach Gewerk zu tun hat: es geht um Sorgfalt in der Planung, in der Ausführung jedes einzelnen Schrittes, auch der „unsichtbaren“, die im fertigen Teil zwar nicht mehr wahrnehmbar sind, außer für das geübte Auge, die aber unentbehrlich sind für die Gesamtwirkung des Produkts am Ende des Arbeitsprozesses.

Genau damit sind auch wir weiterhin beschäftigt: mit dem Anhänger und mit der Vorbereitung der Balken für die Bodenstruktur und für das Ständerwerk der KUKUmobil-Wände.

 

DER ANHÄNGER

Ersteres liegt vor allem in Gudruns Händen, denn da kommen Fräser, Schleifer, Schraubzwingen und Silikonkleber zum Einsatz. All das immer ab 17 Uhr, denn der Anhänger, das ist ein Fakt, der steht in der prallen Sonne und heizt sich so auf, dass ich den Verdacht habe, wir könnten Spiegeleier auf ihm zubereiten.

Die Original-Bodenplatte des Anhängers, die im Metallrahmen lag, wurde durch die Unterboden-Dämmung angehoben. Um die Kältebrücke zu unterbrechen haben wir auch den Metallrahmen des Anhängers mit Dämmmaterial abdeckt und einen entsprechenden Streifen aus Siebdruckplattenmaterial angesetzt. Insgesamt haben wir dadurch eine vollkommen gedämmte Auflagefläche für den Aufbau von 2,20 m Breite geschaffen. Bei gutem Wetter und langer Standzeit kann der Anhänger hervorgeholt und als Terrasse genutzt werden. Die Außenkante der Bodenplatte wird abgerundet.
Gudrun fräst die Ansatznaht zwischen der Original-Bodenpatte und dem Ansatzstreifen ein, um die Silikonnaht besser aufzutragen. Die gesamte Konstruktion soll so dicht sein, dass weder  Spritzwasser von unten noch Regenwasser von oben eindringen kann. Überstehendes Silikon haben wir abgeschliffen. Die gesamte Fläche wird zum Abschluß gebeizt und geölt.
Als zusätzliche  Anti-Rutsch-Sicherung haben wir uns entschieden, an den Längsseiten der Plattform, dort, wo die Douglasfichtenbalken der Bodenkonstruktion aufliegen, Gummistreifen anzubringen. Sie liegen eingelassen in einer eingefrästen Vertiefung.
Vor dem Beizen und Ölen wird noch einmal genau geprüft, ob an irgendeiner Stelle mit Silikon nachgearbeitet werden muss. Silikon mag es nicht, wenn es zu heiß ist. Das macht mir dieses ansonsten eher unangenehme Material fast sympathisch. Da kann es manchmal auch etwas später werden.
Gut, dass Handys auch als Taschenlampe benutzt werden können, und noch besser, dass sowohl die Ausdauer als auch das Verständnis aller Beteiligten groß genug sind.
Jetzt fehlt nur noch das Beizen der Bodenplatte _ in Wotan-Türkisblau _ und das Einölen. Fast hätten wir es geschafft, dann kam der Regen und es konnte nicht sein.
Wenn das Wetter mitspielt, dann wird es am Sonntag dazu kommen und DANN ist die Arbeit am Anhänger tatsächlich abgeschlossen. Das schreit förmlich danach gefeiert zu werden!!!!

DIE BODENSTRUKTUR

Zeitgleich zu der Arbeit am Anhänger haben wir die Balken für die Bodenstruktur vorbereitet. Insgesamt besteht sie aus einem Rahmen aus Douglasfichte, zwei Querbalken aus dem gleichen Material, sowie 5 weiteren Quer- und einem mittig eingeplanten Längsbaken aus Fichte.

Hier war und bin ich am werkeln, mit Japansäge und Stemmeisen. Ab und an kommt Gudrun dazu, um bestimmte Arbeitsschritte zu übernehmen, die Erfahrung oder den Einsatz einer Maschine erfordern:

1. Unten ist da, wo die Nut ist.
Die Balkenstruktur trägt als erste Schicht Bodenplatten aus Siebdruck. Dazu hat Gudrun an den Balkenunterseiten eine Nut eingefräst, in die die Platten eingelassen werden, wenn wir die einzelnen Teile zusammensetzen, die natürlich GENAU passen werden, weil wir so gründlich gearbeitet haben. 🙂

2. Passt!
Alle Balken haben wir an den vorgesehenen Stellen mit Aussparungen versehen, bzw. an den Enden die entsprechenden Zapfen gesägt, um sie so zusammenzusetzen, dass sie sicher und solide sitzen und alle Kräfte aushalten, die auf sie einwirken werden. Zwischendurch haben wir immer mal wieder die Probe aufs Exempel gemacht und uns jedesmal gefreut, wie die Schneeköniginnen, wenn es gepasst hat, OHNE Wackeln und OHNE Luft.

 

3. Mattkesche Verbindung
Besondere Gedanken hat Gudrun sich über die Eckverbindungen der Rahmenstruktur gemacht. Sie wollte vermeiden, dass an den Ecken Hirnholz steht, weil gerade dort Feuchtigkeit gut eindringen könnte, was wir ja auf alle Fälle vermeiden wollen. Also ein Gehrungsschnitt? Aber dann schaffen wir es nicht wirklich, die Balken in einer so gut sitzenden Holzverbindung zusammenzubringen, wie es bei einer Überblattung der Fall wäre. ALSO: Halbe-Halbe.

Es gibt dafür tatsächlich einen Namen: Verdecktes Eckblatt. Ich habe mal im Internet gesucht. HIER gibt es sage und schreibe über 34 Holzverbindungen, und da sind die japanischen wahrscheinlich gar nicht mit dabei. Ich finde trotzdem, Mattkesche Verbindung klingt gut.

HELFENDE HÄNDE

Tja, und wenn wir sicher sind, dass alles zusammenpasst, dann nehmen wir es wieder auseinander und schleifen jeden Balken ab, um ihn dann mit Leinöl zu behandeln. Erst dann ist er bereit, seinen Platz im Gesamtgefüge einzunehmen. Da sind helfende Hände besonders willkommen:

DAS STÄNDERWERK

Als nächster Bauabschnitt steht neben der Fertigstellung des Bodens das Ständerwerk an. Da wartet noch die ein oder andere Stemmarbeit auf uns. Aber davon werde ich im nächsten Beitrag berichten.

Ich weiss, wir alle dursten mit, mit den Bäumen, den Gräsern, den Flüssen und Seen; die schon so lang andauernde Hitze hat längst ihren Reiz verloren, selbst für die eingefleischten Sonnenanbeter:innen. Alle warten wir auf Kühle und auf Regen.

„Nunca llueve a gusto de todos“, wie man im Spanischen so schön sagt. Auch wenn damit eher gemeint ist, dass man es selten allen recht machen kann, hat es in unserem Baukontext eine wortwörtliche Bedeutung.

JA zum Regen, aber bitte nachts und wenn doch tagsüber, dann eher mittwochs und donnerstags. 🙂

 

 

 

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