2019 / 21 _ STICKSTOFF

2019

Ein Jahr lang war ich gemeinsam mit Kati Hyyppä unterwegs um Menschen einzuladen, sich an einen Tisch zu setzen und gemeinsam ein großes Tafeltuch zu besticken. Mit all dem, was wir mit Gastfreundschaft, mit gemeinsamem Essen, mit unserer kulinarischen Identität und Sozialisierung verbinden.

Langsam haben Sprüche, Bilder, Erinnerungen ihren Weg auf dieses Tuch gefunden. Mit Nadel und Faden haben viele Menschen an den unterschiedlichsten Orten in Berlin aber auch außerhalb unseres Wahlwohnortes dazu beigetragen, dass sich das große weisse Tuch gefüllt hat und immer bunter wurde.

StickstoffFlyer_Classic_Lowes

Zum Ende des „ofiziellen“ Projektteils, der vom Bezirksamt Lichtenberg finanziert wurde, entstand ein Katalog, den Kati wunderbar zusammengestellt hat und zu dem ich die Texte und einige Fotos beigetragen habe.

Den Katalog könnt ihr euch unter dem folgenden Link herunterladen:

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2021

Wer schon einmal mit „Textilern“ zu tun gehabt hat, der weiss, dass sie in all ihrer Individualität einige Dinge gemeinsam haben:

ZEIT ist für sie das kostbarste Gut, und sie machen sie erfassbar, greifbar in dem was sie tun. Sie gehen zurück in die Vergangenheit und erinnern daran, dass die Technik, die sie benutzen Jahrhunderte alt ist. Sie nehmen sie sich in der Gegenwart, um zu bewahren, und sie denken in und an die Zukunft. Und wenn sie arbeiten, verliert die Zeit als messbare Einheit jegliche Bedeutung.

GEDULD bei manchen, BEHARRLICHKEIT bei den anderen. Das ist nicht das gleiche, aber das eine wie das andere führt dazu, dass sie einen einmal in die Hand genommenen Faden nicht so einfach abreissen lassen und nur dann abschneiden, wenn sie sich wirklich ganz und gar sicher sind, dass es so richtig ist.

DEMUT. Sie arbeiten oft klein, leise, langsam. Und das ist gut so. Gemeinsam mit vielen oder alleine für sich sind sie sich der Tatsache bewusst, dass jeder Stich, jeder Faden von Bedeutung ist für die Gesamtheit; und dass er seine wahrhaftige Wirkung erst in der Gesamtheit bekommt.

GEMEINSCHAFT. Sie wissen um die identitäre Bedeutung von textilen Ausdrucksweisen. Wenig ist uns so nah, wie das Textile, in unserer Kleidung, in unserem Lebensumfeld….

MEDITATION und KONTEMPLATION. Sie geniessen die innere Ruhe, zu der man kommt, wenn man mit Fäden arbeitet. Die inherente Langsamkeit des Entstehungsprozesses macht jedem die Grenzen aber auch die Möglichkeiten der Dimension MENSCH in ganz besonderer Weise deutlich. (An)Spannung wahrzunehmen und damit sinnvoll umzugehen ist von besonderer Bedeutung. Nicht Länge oder Breite, sondern Tiefe ist eine Richtung, die viele anzieht und oft auch nicht wieder loslässt.

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STICKSTOFF _

das Lichtenberger Tafeltuch

Ein partizipatives, textiles Kunstprojekt

Die Idee, oder: Warum TAFEL und TUCH?

STICKSTOFF ist der Versuch einer Spurensuche, des Sammelns und Vedichtens, eine VerSTOFFlichung dessen, was in unserem Umfeld, Lichtenberg, an unterschiedlichen Kulturen zusammen lebt. Seinen Fokus richtet STICKSTOFF dabei auf all das, was um einen Tisch herum passiert, wenn Menschen zusammen kommen und etwas so alltägliches und gleichzeitig lebensnotwendiges tun, wie zu essen.

Gerade aufgrund dieser Selbstverständlichkeit und Alltäglichkeit ist alles, was um einen Tisch herum passiert, ein Spiegel des jeweiligen kulturellen, sozialen und generationsbedingten Kontextes, mit dem sich die Menschen, die Tisch und Speise miteinander teilen, identifizieren. Kulinarische Besonderheiten, ganz gleich ob nationaler, regionaler, lokaler, oder familiärer Natur, bilden eine bedeutende und vor allem eine der allerersten Grundlagen unserer Sozialisierung. Gerüche, Geschmäcker und mit dem Essen verbundene Gebräuche sind ein wichtiger Nährboden für unsere Erinnerungen.

Feste feiern ohne eine Tafel ist ebenso undenkbar, wie eine Tafelrunde ohne Gastfreundschaft, gleich, wo die Tafel steht. Und: Egal ob am Familientisch, Stammtisch, Mensa- oder Kantinentisch, es wird nicht nur gespeist, es wird auch viel geredet.

Hier möchte STICKSTOFF in seiner Spurensuche ansetzen: Auf einem großformatigem Tuch, einer Art textilen Tafel, wollen wir gemeinsam mit anderen Menschen aus der Lichtenberger Nachbarschaft Elemente sammeln und aufzeichnen, die wir mit dem Beisammensein an einem großen Tisch verbinden. Dabei interessieren uns sowohl die unterschiedlichen kulturellen Besonderheiten, die sich im Sprachgebrauch, in Redewendungen oder in spezifischen Schlüsselworten widerspiegeln, als auch Objekte, die bildhaft dargestellt werden können. Die Vorstellung des gemeinsamen Essens soll als Einstieg dienen, als offener Rahmen für eine weitergehende Auseinandersetzung mit dem Thema des Beisammenseins, des Austausches und des gegenseitigen Kennenlernens. Trotz des bestehenden konzeptuellen Rahmens soll der Entwicklungsprozess des STICKSTOFF flexibel bleiben und Raum bieten für die Beiträge aller sich beteiligenden Personen. Auch die sich ergebenden Gespräche sollen fragmentarisch eingearbeitet werden, teils verstofflicht in der Stickerei, teils als reproduzierbare Audiodateien, die dem Textilen eine neue kommunikative Ebene geben.

Das Format, oder: Warum STICK und STOFF?

Als STICKSTOFF-Initiatorinnen haben wir beide, Kati Hyyppä und Andrea Milde, eine enge Verbindung zu textilen Materialien, auch wenn unsere Herangehensweise und unser Umgang damit in unserer eigenen künstlerischen Arbeit vollkommen unterschiedlich ist. Gerade in dieser potentiellen Vielfalt der Techniken und der verwendeten Materialien erkennen wir einen große Stärke des textilen Mediums. Daher hat von der spontanen, experimentellen Fadenzeichnung bis zu klassischen Techniken, vom konventionellen Baumwollgarn bis zu innovativen Materialien, von der Abstraktion im Wort bis zur objektbezogenen Abbildung alles seinen Raum im STICKSTOFF-Projekt.

Uns ist die Arbeit mit der Hand wichtig, weil wir aus unserer Tätigkeit als Kunst-Vermittelnde wissen, wie intensiv und positiv der Erfahrenswert gerade dann ist, wenn wir die Gelegenheit bekommen, das Geschehende bewußt wahrzunehmen und zu assimilieren, und so statt einer Oberflächen- eine Tiefenwirkung zu erzielen. Das war und ist aber, unter anderem, eine Frage der Zeit, so sehr wir heutzutage auch alles daran setzen, diese Tatsache zu verdrängen. Durch der Hände Arbeit diesen Raum der Langsamkeit neu zu erschaffen, ist ein Anliegen des STICKSTOFF-Projekts.

Konzipiert ist STICKSTOFF als ein durch den Bezirk wanderndes und an unterschiedlichen Orten von unterschiedlichen Menschen, einzeln oder im Kollektiv durch Stickbeiträge zu bereicherndes Projekt. Wenige Materialien eignen sich besser für nomadenhafte Gemeinschaftsarbeiten, als Textilien. Stoff ist leicht, resistent, flexibel und vor allem handfreundlich, und somit ein sehr umgängliches Ausgangsmaterial und ein hervorragendes Vehikel, um den Prozess nicht nur optisch sondern auch haptisch zu dokumentieren.

STICKSTOFF hat sich zum Ziel gemacht, eine möglichst große und heterogene Zielgruppe zu erreichen und benutzt dazu textile Materialien, die uns allen aus unserem Alltag vertraut sind. STICKSTOFF ist für alle Menschen zugänglich, unabhängig von ihrem Alter, ihrem Geschlecht und ihrer Herkunft. Eine entsprechende Begleitung durch die Initiatorinnen ermöglicht es auch Menschen ohne Vorkenntnisse, vor allem das experimentelle Fadenzeichnen, aber auch einfache eher traditionelle Sticktechniken in kurzer Zeit so weit zu beherrschen, dass sie als Ausdrucksmittel kreativ eingesetzt werden können.

Die Akteure, oder: Wer macht was beim STICKSTOFF-Projekt?

Kati Hyyppä und Andrea Milde, den beiden Initiatorinnen von STICKSTOFF ist eine langjährige Erfahrung im Umgang mit textilen Materialien und partizipativen Projekten gemeinsam. Im STICKSTOFF ergänzen sich die Expertisen beider Künstlerinnen mit ihren unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen zu einem interdisziplinären Kunstprojekt. In enger Zusammenarbeit übernehmen sie mit der anfänglichen Bestandsaufnahme und der Ausarbeitung des konzeptuellen Rahmens unter künstlerischen und technischen Aspekten, sowie der Koordination der Stickaktionen und der Ausstellungsproduktion einen Großteil der Aufgaben, die für die Durchführung dieses Projektes erforderlich sind.

Beiden Initiatorinnen ist es auch wichtig, den Entstehungsprozess offen zu gestalten und andere Personen daran nicht nur teilnehmen sondern auch teilhaben zu lassen. Daher wird auch der auszuarbeitende konzeptionelle Rahmen entsprechend flexibel gestaltet werden. Im Verlauf der ersten Projektvorstellungen und Stickaktionen hoffen wir, eine kleine Gruppe von Personen (maximal 6) enger in das Projekt zu involvieren. Unter anderem kann es ihre Aufgabe sein, stellvertretend für bestimmte Gesellschaftsgruppen die zu der lichtenberger Nachbarschaft gehören, zu denen wir aber keinen Zugang bekommen haben, konkrete Aspekte in den STICKSTOFF einzuarbeiten, um auch diesen Personen eine Stimme zu geben. Sie bearbeiten eine vorher konkret definierte, größere Fläche des Stoffes, und da die Ausführung der Stickereien, wie viele textile Disziplinen, extrem zeitaufwendig ist, haben wir vorgesehen, diese Personen in Anerkennung der von ihnen in das Projekt investierten Zeit durch eine Honorarzahlung zu vergüten, wie im Finanzplan im Detail angegeben.

Eine dritte Gruppe bilden all jene Personen, Passanten oder Besucher, die sich während der Stickaktionen, gleich ob diese spontan oder angekündigt stattfinden, motivieren, Faden und Nadel in die Hand zu nehmen und den STICKSTOFF mitzugestalten. Dabei ist uns wichtig, dass während der Stickaktionen die Komponente des horizontalen „miteinander und voneinander lernens“ im Vordergrund steht, auch wenn wir als Initiatorinnen die Aktionen mit künstlerischer Orientierungshilfe und technischen Tipps begleiten.

Die vielfältigen Publikumsbeiträge, die sich aufgrund der verfügbaren Zeit wortwörtlich “im kleinen Rahmen” bewegen werden, bilden neben dem künstlerischen Konzept das Fundament des Gemeinschaftsprojektes.

Das Ergebnis: Was soll STICKSTOFF bewegen / bewirken?

Zentrales Anliegen des STICKSTOFF-Projektes ist die Bewusstseinsbildung, dass die kulturelle Durchmischung nachbarschaftlicher Strukturen immer eine Bereicherung darstellt, und auf der Grundlage von Toleranz und gegenseitiger Anerkennung basieren sollte. Dies hoffen wir, durch das textile, partizipative Kunstprojekt STICKSTOFF auf drei unterschiedlichen Ebenen erlebbar, sichtbar und nachvollziehbar zu machen: mit Bezug auf das Objekt, auf den Prozess und auf die bleibende Dokumentation.

Auf objektbezogener Ebene wird das Lichtenberger Tafeltuch am Ende des Projektes stehen. Als mixed media Installation geht es im Rahmen der Abschlussausstellung über die Kategorie des Kunst-Objektes hinaus und wird zur sozialen Plastik.

Entscheidend dafür ist die prozessbezogene Ebene, denn hier findet von allen erlebbar und mitgestaltbar der interkulturelle Austausch statt. Generationenübergreifende Begegnung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die bewußte Wahrnehmung schöpferischer Hand-Arbeit stellen den immateriellen Wert des Projektes dar.

Damit diese Erfahrungswerte auch über den zeitlichen und räumlichen Rahmen des Projektes hinweg zur Verfügung steht und das Geschehen für alle Menschen aus der lichtenberger Nachbarschaft nachvollziehbar macht entstehen im Rahmen des STICKSTOFF-Projektes

Auf dokumentationsbezogener Ebene Fotos und Video des Stickprozesses und Audioaufnahmen der Gespräche, die während der Abschlussausstellung teils integriert im Objekt, teils ergänzend dazu dem lichtenberger Publikum vorgestellt werden.